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Lutz Schneider mit Vater Willy




























































































Luts Schneider

































































































































Die Mutter und die Scwestern des Autor 




































































































































































































































































































































































Frieda, Die
älteste Scwester




































































































































































































Das Geburtshaus des Autors

























































































































































































































Yehuda Alexander heute
 
Yehuda Alexander
 
Ein Mensch auf den Spuren
seines Schicksals
 
Ein Leben unter falscher Identität

„Yehuda, Du brauchst das Kaddisch nicht zu sagen. Leo ist nicht Dein biologischer Vater.“ Dieser Satz veränderte mein Leben - Worte, welche mich zutiefst erschütterten und verwirrten, Worte, welche die vertraute Realität meines Lebens ins Wanken brachten, Worte, welche Verwunderung und Fragen über meine Identität aufwarfen.
Dies ereignete sich an einem Wintermorgen, des 3. Januar 1956, am Tag, nachdem wir meinen Vater beerdigt hatten, welcher einer längeren Krankheit erlag. Ich war auf dem Weg zur Synagoge, um über meinen Vater das Kaddisch zu sprechen. Bis zu diesem Tag hatte ich ihn natürlicherweise, für meinen biologischen Vater gehalten, bis mir ein Nachbar die Neuigkeit in den leeren Raum schleuderte, welche mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf. Ich blieb wie angewurzelt auf der Stelle stehen und erinnerte mich plötzlich, dass mich meine Tante aus dem Moschaw Kfar Yedidiah all die Jahre immer "Lutz" nannte. Ich ging dann trotzdem in die Synagoge, um über meinen Vater das Kaddisch zu sprechen, doch schon während der sieben Trauertage fuhr ich nach Kfar Yedidiah, um bei meiner Tante die Unklarheit über den Namen abzuklären. Ich fragte sie: „Rachel, wer ist  Lutz?“ Sie erwiderte: „Lutz Schneider und Yehuda Alexander sind ein und das selbe Kind.“ Mit einem Schlag war mein Leben verändert und mein Schicksal nahm in diesem Augenblick eine Wende.
Ich war wütend auf meine Eltern, die mir meine wahre Identität verschwiegen hatten, wie auch auf alle um mich herum, die wussten, dass ich adoptiert war, während ich all die Jahre unter einer falschen Identität lebte.
Ich war damals ein 22-jähriger junger Mann als ich die Trauer und den Schmerz über den Tod meines Vaters zu bewältigen hatte und gleichzeitig mit grundsätzlichen Existenzfragen, sowie mit Fragen über meine Herkunft und Vergangenheit konfrontiert wurde.
Meine Verbitterung war so groß, dass ich mich später, als Valy, meine Mutter, welche mich großgezogen, erzogen und geliebt hatte, nicht einmal an ihr Sterbebett begab, als sie im Krankenhaus am Sterben lag. Meine Frau, Adina, flehte mich an, ihr zu verzeihen und sie im Krankenhaus zu besuchen, bis ich mich überzeugen ließ – doch  da war es bereits zu spät und ich fand meine Mutter tot in ihrem Bett vor.
 
Rückblickend kann ich Leo und Valy nur danken, dass sie mir das Leben gerettet, mir ein Obdach und Kleider zum Anziehen gegeben und mich mit Liebe und Wärme umgebend zu einem aufrichtigen Menscher erzogen hatten.
 
Ich benötigte viel Zeit, diese schicksalhafte Entdeckung zu verarbeiten und deren Bedeutung zu verstehen. Jahrelang war ich mit dem Alltagsleben beschäftigt und über meine Bemühungen, für den Unterhalt der Familie zu sorgen und die Kinder zu erziehen, verdrängte ich die Frage über meine Identität. Erst als ich in den Ruhestand trat, fand ich Zeit, Muße und die geistigen Kräfte, mich mit meinem wahren Lebenslauf zu beschäftigen und trat eine lange Reise in die Vergangenheit an, auf der Suche nach Informationsfetzen über meine biologischen Eltern, Geschwister und meine Heimatstadt. Gemeinsam mit meiner Frau machte ich mich auf die Reise, indem wir die besten Familienforscher und viele gute Menschen zu Hilfe heranzogen. Wir begannen die einzelnen Informationsfetzen zusammenzutragen, bis sie eine kleine Lichtung in der Verschleierung und Ungewissheit meines Lebens öffneten.
Auf der Reise, welche vor sieben Jahren begann und bis heute noch nicht zu Ende ist, besuchten wir meine Heimatstadt und das Haus, in dem ich geboren wurde und erlebten ergreifende Begegnungen mit Leuten, welche meine Eltern, meine Geschwister und mich gekannt hatten. Ich erlebte auch Momente der Niedergeschlagenheit und Traurigkeit, doch klammerte ich mich während der ganzen Reise und all die Jahre stets an die Hoffnung, dass vielleicht einer meiner Geschwister den Holocaust überlebt hatte.
Auf der Reise erfuhr ich die bittere Wahrheit, dass meine Eltern in Polen ermordet wurden. Trotz der Mühsal und dem Leid gab ich die Hoffnung nicht auf. Als ich erfuhr, dass eine meiner Schwestern die Hölle und die Konzentrationslager überlebt hatte und nach Russland geflohen ist, startete ich Nachforschungen, um sie zu finden. Ich werde mich bis zum Tag, an dem ich sterbe und allen Chancen zum Trotz an die Hoffnung klammern, dass ich eines Tages meine große Schwester oder den kleinen Bruder umarmen werde – vielleicht.
*
Meine Lebensgeschichte basiert teils auf Erinnerungen und teils auf Informationen, welche ich im Laufe der Jahre gesammelt hatte, sowie auf Geschichten, die ich von anderen Familienangehörigen vernommen hatte.
Dies ist eine persönliche Geschichte, welche gleichzeitig, über Land und Leute Aufschluss gebend, die Geschichte des jüdischen Volkes erzählt. Ich wünschte, dass die kommenden Generationen über ihre Vergangenheit lesen werden, um über die Geschichte ihres Volkes und das Schicksal ihrer Familie zu erfahren.
 
Viele behaupten, die Persönlichkeit eines Menschen werde in seinen ersten Lebensjahren geprägt und dass die häusliche Wärme und Liebe, die er in seiner Kindheit von seinen Eltern, Geschwistern und der unmittelbaren Umgebung erfährt, seinen Charakter und seine Willenskraft in der Jugendzeit beeinflussen.
 
Meine Lebensgeschichte hingegen ist keine gewöhnliche und im Gegensatz zu vielen Menschen, deren Erinnerungen an die ersten Lebensjahre im Laufe der Zeit allmählich an die Oberfläche heraufsteigen, kann ich mich an nichts mehr erinnern. Meine eigene ferne Vergangenheit ist in Nebel gehüllt und ich kann mich weder an meine Kindheit in Deutschland, weder an meine biologischen Eltern noch an meine Heimatstadt und schon gar nicht an die Ereignisse jener Zeit erinnern. Ich weiß nicht, ob diese hermetische Sperre auf einen Abwehrmechanismus oder auf irgendeinen anderen Grund zurückzuführen ist, jedenfalls sind mir meine ersten drei Lebensjahre verloren gegangen. Erst als ich erwachsen wurde, gelang es mir, wenn auch nur teilweise, die Ereignisse der verlorenen Jahre mit Hilfe von Familienforschern und Bekannten zu rekonstruieren.
Es benötigte viele Jahre seit dem Tag, an dem mir bekannt wurde, dass ich ein Adoptivkind bin, bis ich endlich den Mut fasste, mich mit meiner und der Vergangenheit meiner Familie auseinanderzusetzen. Den Ansatz dazu gab mir meine Tante, Rachel Landshut aus Kfar Yedidiah, als sie mir mitteilte, dass mein Name "Lutz Schneider" laute, was den Ausgangspunk meiner Reise ins Unbekannte darstellte, die Reise in eine vergessene Kindheit.
Während der, im Folgenden geschilderten Reise, auf welcher ich versucht hatte, die verlorenen Jahre zu ergründen, gelang es mir nicht, auch nur eine Erinnerung an eine Umarmung meiner Mutter wach zu rufen, oder mich zu erinnern, mit meinem Vater gespielt zu haben. Ich kann mich weder an die Gerüche beim Kochen einer Mahlzeit, noch an ein Lächeln auf den Gesichtern meiner Eltern oder Geschwister erinnern. Von den Erlebnissen meiner drei ersten Lebensjahre ist mir nicht die geringste Spur einer Erinnerung geblieben.
Hingegen eröffneten mir intensive Nachforschungen während sieben Jahren einen kleinen Einblick in meine Kindheit, meine Heimatstadt und mein Elternhaus. Dank der Nachforschungen erfuhr ich ein wenig über meine Herkunft und den Ursprung meiner Wurzeln.
Die Informationen, die ich sammelte umfassen die so genannten "trocken Tatsachen", wie Namen, Daten und einzelne Geschichten und obschon sie mir meine Erinnerung nicht wachzurufen vermochten, fand ich dennoch etwas Trost in der Tatsache, dass ich nach so vielen Jahren wenigstens Klarheit über meine wahre Identität schaffen konnte:
Ich wurde am 30. Juli 1934 in Ortelsburg geboren, was damals zu Ostpreußen, einem Teil von Ostdeutschland gehörte (heute Masuren). Die Stadt, die südöstlich von Allenstein am Ufer der masurischen Seen liegt, gehört heute zu Nordpolen. Die Stadt wurde im Jahr 1350 gegründet und erfuhr seit ihrem Bestehen verschiedene Wechsel und Veränderungen. Sie wurde ursprünglich errichtet, um die Meerenge zu sichern und die meisten Bewohner waren Polen. Mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie im Jahr 1888 erfuhr die Stadt einen drastischen Aufstieg in Wirtschaft und Handel. Die Blütezeit dauerte jedoch nicht lange und als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach wurde die Stadt von den Russen erobert und völlig zerstört. Nach der Verdrängung der Russen, was zum großen Teil den finanziellen Mitteln der Protektionsstädte Berlin und Wien zu verdanken war, wurde die Stadt neu errichtet, wobei sich ihre Einwohner die deutsche Sprache und Kultur anzueignen begannen. Ortelsburg, deren Einwohnerzahl bis Ende des 19. Jahrhunderts nur ca. 2000 Einwohner betrug, gedieh und wuchs, so dass die Stadt im Jahr 1939, noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 15.000 Einwohner zählte. Die Bevölkerung bestand vor allem aus Protestanten und nur aus einer Minderheit von rund 120 Juden. Im Mai 1939 wurde eine Volkszählung durchgeführt, an welcher 17 Juden verzeichnet wurden. Wahrscheinlich sind die übrigen Juden infolge der Verfolgung durch die Nazis in andere Länder oder andere Städte geflohen. Meine Familienangehörigen wurden in dieser Volkszählung nicht aufgeführt und es ist mir leider nicht gelungen, herauszufinden, wohin sie gegangen sind.
 
Ich war nach vier Töchtern der erste Sohn meiner Eltern, Elsa, geborene Alexander, geboren am 3. Mai 1894 und Willy Schneider, geboren am 9. Februar 1893. Die Töchter waren Frieda, geboren am 11. März 1925, Hertha, geboren am 18. April 1926, Ruth, geboren am 13. Mai 1928 und Eva, geboren am 26. Februar 1930.
Das Elternhaus befand sich an der Dickmannstraße 4. Meine Mutter war Hausfrau und mein Vater führte ein Gästehaus mit Gästezimmern und einem Restaurant.
Als ich anderthalb Jahre alt war fuhr ich mit meiner Familie zu Leo Alexander, dem Cousin meiner Mutter und Valy Alexander in die Stadt Königsberg in den Urlaub. Während unseres Aufenthalts erkrankte ich an Kinderlähmung, welche eine Schwächung meiner linken Hand zur Folge hatte.
1938 begannen die Juden allgemein und Leo und Valy Alexander insbesondere zu spüren, in welche Richtung der Wind wehte und die drohende Gefahr nahm immer konkretere Gestalt an. Jüdische Geschäfte wurden arisiert, Verfolgungen und Pogrome gegen Juden waren an der Tagesordnung und wie viele andere versuchten Leo und Valy einen Ausweg und Zuflucht zu finden.
Eines Tages fiel die Entscheidung und Leo und Valy beschlossen, nach Israel auszuwandern. Sie versuchten meine Eltern, Elsa und Willy zu überreden, sich ihnen anzuschließen, doch die Tatsache, dass diese vier Töchter und einen dreijährigen Jungen (mich) hatten und meine Mutter schwanger war, war der Grund weshalb sie dieses Angebot ablehnten.
Im Laufe der Zeit sahen auch Elsa und Willy ein, dass sich die Situation nur noch verschlimmerte und fassten den Entschluss, mich an einen sicheren Ort zu schicken. Ich war dreieinhalb Jahre alt, als ich unter der Aufsicht meiner großen Schwester, Frieda, welche damals 13 Jahre alt war, in den Zug stieg und die Einwegfahrt von Ortelsburg nach Königsberg antrat – eine Fahrt, welche mein Leben veränderte.
Ich ahnte damals nicht, dass ich nicht zurückkehren und meine Eltern und Geschwister nie wieder sehen würde und auch bei der Geburt meines jüngeren Bruders, Heinz, nicht dabei sein werde. Es war mir nicht bewusst, dass mir der Entschluss meiner Eltern das Leben retteten würde.
 
Der Zug traf im Bahnhof von Königsberg ein. Meine Schwester Frieda und ich kamen bei Leo und Valy Alexander an, den Leuten, welche ich während beinahe zwanzig Jahren für meine biologischen Eltern hielt. Da wir des öfteren bei ihnen waren, schöpfte ich wahrscheinlich keinen Verdacht, dass es sich diesmal nicht um einen Familienbesuch handelte. Während ich glaubte, in den Urlaub zu fahren, hatten Leo und Valy, meine "Eltern", andere Pläne und Frieda, welche offensichtlich über das Geheimnis Bescheid wusste, weigerte sich, in Königsberg zu bleiben und machte sich wieder auf den Heimweg, zurück nach Ortelsburg. Es ist unklar, warum Frieda letzten Endes nicht in Ortelsburg angekommen ist und wohin sie gefahren ist.
Später erhielt ich vom Holocaust Museums in Washington ein Dokument des Jahres 1941, auf welchem die jüdischen Einwohner der Stadt aufgeführt sind. Auf dem Dokument stehen alle Namen meiner Familienangehörigen außer meinem Namen und dem Namen meiner Schwester.
 
Im Laufe der Zeit verdrängte ich meine Vergangenheit und eignete mir die neue Identität als einziger Sohn von Leo und Valy Alexander an. Von Lutz Schneider wurde ich zu Yehuda Alexander.
 
*
 
Leo Alexander, welchen ich all die Jahre "Abba" genannt hatte und Valy, geb. Samuel, welche ich "Imma" nannte, waren Vetter ersten Grades. Während des Ersten Weltkrieges arbeitete Valy als Krankenschwester und erhielt als Zeichen der Anerkennung das "Eiserne Kreuz". Leo war Generaldirektor in der Firma "Adolf Leiser", einem großen Handelsgeschäft für Landwirtschaftsgeräte, welches ganz Ostdeutschland mit seinen Produkten belieferte.
Leo und Valy waren sieben Jahre verlobt bevor sie heirateten und trotz der verwandtschaftlichen Beziehung versuchten sie die Familie zu erweitern. Valy hatte mehrere Fehlgeburten und als sie endlich wieder in Erwartung war, hütete sie vorsichtshalber das Bett, doch im fünften Monat erlitt sie erneut eine Fehlgeburt.
Als ich in ihr Haus geschickt wurde, um auf mich aufzupassen, erhielten sie das Kind, nach welchem sie sich so sehr gesehnt hatten.
 
Viele Jahre führten Leo und Valy ein gutes Leben. Sie waren Reformjuden, hielten sich an die Kaschrut, waren von wirtschaftlich und gesellschaftlich angesehenem Stand, wohnten in einem großen, zweistöckigen Haus und spendeten viel Geld in die jüdische Reformgemeinde. Leo, welcher wie ich an Polio erkrankt war und eine Schiene am Bein trug, welche ihn beim Gehen unterstützte, hatte einen Chauffeur und war selbst nicht im Besitz eines Führerscheins.
 
Am 30. Januar 1933 kam Hitler an die Macht und allmählich begann sich das Leben der Juden im Allgemeinen und insbesondere von Leo und Valy zu ändern.
Die Juden von Königsberg, der Landeshauptstadt der deutschen Provinz Ostpreußen, litten wie die anderen Juden in ganz Deutschland unter den Verfolgungen Verordnungen der Nazis.
Valy war Studentin an der medizinischen Fakultät in Königsberg, aber als mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus die Judenverfolgung zur offiziellen Strategie des Dritten Reiches und zum Begriff der rassistischen Ideologie wurde, war sie gezwungen, ihr Studium kurz vor dem Studienabschluss abzubrechen, da es Juden untersagt war, in öffentlichen Lehranstalten zu studieren.
Eine deutliche Verschlechterung der Situation trat in der Nacht vom 9. zum 10. November ein, in der Nacht, welche von den Nazis "Reichskristallnacht" genannt wurde, weil infolge der Zertrümmerung der Fensterscheiben jüdischer Geschäfte und Wohnungen so viele Glasscherben auf dem Boden herumlagen. In jener Nacht fanden überall im ganzen Dritten Reich (Deutschland und Österreich) Pogrome statt. In der Kristallnacht wurden fast alle Synagogen in Deutschland zerstört, jüdische Friedhöfe geschändet, Tausende jüdische Geschäfte und Kaufhäuser niedergebrannt oder arisiert. Über dreißigtausend Juden wurden verhaftet und in Konzentrationslager geschickt, ca. 400 Juden wurden getötet und viele schwer verletzt. Die Zerstörung, Misshandlungen und Mordtaten dauerten ungestört die ganze Nacht an und legten sich erst im Morgengrauen. In jener Nacht waren die SS-Truppen im Einsatz und beschlagnahmten auch das Handelsgeschäft, welches Leo führte und arisierten es.
Die Kristallnacht kennzeichnete eine spürbare Verstärkung antisemitischer Aktivitäten, indem sich die anfänglichen Belästigungen, Beschimpfungen und die allmähliche Verdrängung der deutschen Juden nach außen zu landweiten Pogromen und körperlichen Gewalt- und Mordtaten ausarteten. Seit jener Nacht wurde unser Leben unerträglich.
Ich war damals vier Jahre alt und nichts konnte mich auf den Schrecken und die Erschütterung vorbereiten, die ich erlebte, als die uniformierten Nazis in unser Haus eindrangen. Die Gruppe der Gewalttäter ging auf systematische Weise von einem jüdischen Haus zum andern, plünderten Hab und Gut, zerstörten alle Möbel und Gegenstände, die ihnen in den Weg kamen und gingen weiter. Meine Mutter und ich schauten entsetzt zu, wie die Uniformierten auf ihrer Suche nach Schmuck, Kunstgegenständen und Geld Vorhänge zerrissen, mit ihren Messern die Polstermöbel zerfetzten und unter Fluchen und Schreien alles zerschlugen und zerstörten. Als die Nazis keine Wertsachen finden konnten, wandten sie sich an mich und packten mich. Ich weiß nicht, ob sie wirklich die Absicht hatten, mich aus dem Fenster zu werfen oder ob sie meine Mutter nur unter Druck setzen wollten, damit sie ihnen verrate, wo sie die Wertsachen versteckt hielt, jedenfalls sprang meine Mutter wie eine Löwin auf und zerrte mich mit aller Kraft aus den Händen des Nazis, welcher mich fest gehalten hatte. Die Schreie der Mutter, welche ihren einzigen Sohn zu schützen versuchte, widerhallten im ganzen Haus.
Einer der Nazis versteckte seine Waffe in einem der Schränke. Mein Vater eilte inzwischen, um seinen Freund, ein Offizier der deutschen Polizei, zu Hilfe zu rufen und erzählte ihm, was geschehen ist. Der Nazi sagte dem deutschen Polizeioffizier, dass er im Schrank eine Waffe gefunden hätte, was der Grund sei, weshalb er meinen Vater verhafte. Der Polizeioffizier, welcher bemerkt hatte, dass der Pistolenhalfter des Nazis leer war, begriff sofort, dass dieser seine persönliche Waffe im Schrank meines Vaters versteckt hatte. Er ermahnte ihn und wies ihn und seine Kameraden aus dem Haus. Nach diesem Vorfall, der deutsche Polizeioffizier meinen Eltern den freundschaftlichen Rat, den Ort unverzüglich zu verlassen. Sie befolgten seinen Rat und begannen umgehend, die nötigen Vorbereitungen zu treffen.
 
Damals herrschten die Briten in Israel, welche die Tore für jüdische Einwanderer nur selektiv und unter strengen Bedingungen öffneten. Ihres Erachtens stellten mittellose Juden eine Last dar, weshalb nur Wohlhabende ein Einwanderungszertifikat erhielten. Meine Eltern waren wohlhabend und Dank der 3000 Sterling, die sie noch hatten, erhielten sie das erhoffte Zertifikat. Meine Mutter ließ zuvor alles Gold und Silber, das noch in ihrem Besitz war, einschmelzen und in dieser Form versteckten sie und mein Vater den ganzen Schatz im Bein eines Sessels, welchen sie wie das andere Hab und Gut verpackten und in zwei Containern nach Israel verfrachteten.
Der deutsche Polizist verschaffte meinen Eltern Reisepässe, während ich unter einer falschen Identität ihren Pässen beigefügt wurde, ohne zu wissen, dass ich auf diese Weise adoptiert wurde.
Die Ziele, welche sich die Nazis vor Augen gesetzt hatten, wurden weitgehend erreicht: die jüdische Emigration aus Deutschland wurde beschleunigt und rund 80.000 Juden, darunter meine Eltern und ich, verließen in der Zeit zwischen Ende 1938 bis vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 das Gebiet des Deutschen Reiches.
 
Die Zeit drängte und wir standen kurz vor unserer Schiffsreise. Da Valy zu dem Zeitpunkt die Ausreisepapiere immer noch arrangieren konnte, wurde ich in einem Weidenkorb versteckt und erst als wir uns bereits auf dem Schiff befanden und meine Eltern sicher waren, dass der Plan gelungen war, durfte ich hervorkommen.
Am 13. März 1939 stiegen wir im Hafen von Triest, Italien, an Bord des Schiffes "Galileo", ein italienisches Passagierschiff der Schiffsgesellschaft Lloyd Triestino und erreichten den Hafen von Haifa, Palästina.
Später gelang es mir, die Passagierliste des Schiffes zu erhalten, auf welcher unter anderem Alexander Leopold (43), Alexander Valy (47) und Alexander Lutz (4) aufgeführt waren.
 
Im Hafen von Jaffo stiegen wir in Boote um, was für mich gleichzeitig ein Umstieg in eine zweite Kindheit, eine neue Identität und ein neues Leben mit vielen Erinnerungen bedeutete.
Ende der dreißiger Jahre wütete in Europa der Zweite Weltkrieg, in dessen Verlauf die Juden unter dem Joch der Nazis litten. Meine Eltern und ich waren dem Inferno rechtzeitig entronnen und erreichten eine neue, unbekannte Realität, weit weg von den Schrecken, die das Schicksal der Juden in Europa allgemein und insbesondere in Deutschland heimsuchten, woher wir geflohen waren. Obwohl unsere Lebenssituation unendlich viel besser war als die, der Juden in Europa, hatten auch wir uns mit Schwierigkeiten und Komplikationen auseinanderzusetzen. Im verheißenen Land der Väter, welches damals "Palästina" genannt wurde, lebte die jüdische Bevölkerung unter britischer Mandatsherrschaft. Die jüdischen Einwohner des Heiligen Landes hatten an allen Fronten zu kämpfen: ein Kampf, um die Wüste fruchtbar zu machen, ein wirtschaftlicher Kampf, ein Kampf gegen die britische Herrschaft und gegen die arabische Nachbarschaft. Über die Anstrengungen hinaus, das Land zu bebauen, zu entwickeln und den täglichen Lebensunterhalt zu bestreiten, wurden die Pioniere mit Meldungen konfrontiert, welche sie aus Europa über die herrschende Bedrohung erhielten, was ihnen große Angst und Sorgen um das Schicksal der zurückgebliebenen Angehörigen bereitete. Ich war damals ein vierjähriger Junge und die Sorgen der Erwachsenen kümmerten mich nicht. Da ich mich an nichts erinnern konnte, war ich nicht besorgt und hatte keine Ahnung, was inzwischen mit meinen biologischen Eltern und Geschwistern geschah. Leo und Valy weihten mich niemals in ihre Sorgen ein und so lebte ich als Kind ein unbeschwertes Leben, während sich meine Sorgen einzig nur um das Spielen und meine Freunde drehten.
Meine Eltern, welche mit einer neuen Lebenssituation und einer fremden Sprache konfrontiert wurden, waren praktische Leute und die Tatsache, dass es ihnen gelungen war, mit ein wenig Geld zu kommen und ihr ganzes Hab und Gut, das ihnen geblieben war, mitzubringen, half ihnen, sich zu etablieren und ein neues Leben aufzubauen. In den ersten Wochen lebten wir in Magdiel, wo Tante Frieda und Max Blumental, meine Verwandten wohnten, welche schon vor langer Zeit eingewandert waren. Obwohl alles vorübergehend war, wurde ich gleich in den ersten paar Tagen in den Kindergarten geschickt, eine grüne Baracke neben einem Eukalyptusbaum. Ich konnte zwar kein Wort Hebräisch, doch eignete ich mir die Sprache sehr schnell an, integrierte mich gut und fand neue Freunde. Meine Eltern, welche Zionisten waren und bereits 1933, einpaar Jahre vor ihrer Einwanderung bei ihrem damaligen Aufenthalt als Touristen hierzulande in Pardes Hanna ein Stück Land gekauft hatten, suchten sich dennoch einen anderen Wohnort. Mein Vater kam auf seiner Suche nach einem Haus in der Sharon-Umgebung nach Herzliya. Als er einen einheimischen Makler traf, welcher ihm westlich von Herzliya, im heutigen "Herzliya Pituach", ein Grundstück anbieten wollte, sagte er: „Ich bin doch nicht verrückt, etwas zu kaufen, das im Sand liegt.“ Es gab weder eine Infrastruktur noch Stromanschlüsse. Dennoch ging mein Vater zu Herrn Adolf Mandel, einem der Mieter im Ort, um ihn um Rat zu fragen. Als dieser erwiderte und sagte: „Herr Alexander, wenn Sie das Grundstück nicht kaufen, werde ich es für mein Haus kaufen,“ entschied sich mein Vater, das Haus zu kaufen, welches zwar nur von sehr wenigen Häusern umgeben war, doch die Tatsache, dass auch die Nachbarn Jecken waren, gab schließlich den Ausschlag und so ließen sich meine Eltern im westlichen Quartier der Siedlung Herzliya nieder, was später die Rav Kook Straße 63 wurde. Das Haus stand allein auf einer Fläche von zwei Hektaren und bestand aus einem Zimmer, einem Badezimmer und einem Holzschuppen im Hof, welcher als Küche diente. In Deutschland waren meine Eltern wohlhabende Leute und hatten in einem großen Haus gelebt. Deshalb beabsichtigten sie jetzt, das Haus mit dem mitgebrachten Geld etwas zu erweitern und zu renovieren, um der Familie ein angemessenes Zuhause zu schaffen. Das Gold und Silber, welches meine Mutter noch in Deutschland eingeschmolzen hatte, wurde jetzt feierlich aus dem Sesselbein herausgezogen und zur Deckung allerlei Ausgaben verwendet. Später wollte ich dem Sessel, der einst bessere Tage erlebt hatte, etwas Respekt erweisen und nahm ihn auf den Flohmarkt, um ihn mit neuen Polstern überziehen zu lassen. Der Polsterer war beim Anblick des Sessels entzückt und sagte: „Lassen Sie den hier, ich gebe Ihnen dafür 12.000 Schekel.“ Ich hätte nie gedacht, dass der Sessel außer dem sentimentalen Wert noch finanziellen Wert hätte, doch trotz des großzügigen Angebots des Polsterers erwiderte ich: „Wenn Ihnen der Sessel 12.000 Schekel wert ist, so ist er für mich eine Million wert.“ Ich verkaufe ihn nicht. Nachdem der Polsterer einpaar Tage später die Arbeit vollendet hatte und ich den, mit qualitätvollem Englischleder überzogenen Sessel abholen wollte, bat er mich, einen Moment zu warten und telefonierte einem Kunden in Herzliya Pituach, der mir 18.000Schekelfür den Sessel anbot. Auch diesmal ließ ich mich vom Geld nicht blenden und antwortete ihm in den Hörer: „Wenn Ihnen der Sessel 18.000 Schekel wert ist, so ist er für mich eine Million wert.“ Bis zum heutigen Tag hat der Sessel einen Ehrenplatz in meinem Wohnzimmer.
Außer dem Sessel enthielt der Container noch viele andere Dinge, unter anderem einen Nähtisch, dessen Oberteil als Schach- und Damespielbrett aufklappbar war, einen Kühlschrank, silberne Kerzenständer und zwei Brutkästen, welche meine einfallsreichen Eltern in der Branche der Hühnerzucht in Israel einzusetzen planten.
 
Da unser Haus nur ein Zimmer hatte, wurde ich während der Renovationsarbeiten für ein Jahr zu Rosa Samuel, einer Cousine meiner Mutter geschickt, welche ich Tante Rosa nannte. Ihr Sohn, Erich, war Landwirt und pflanzte in Gan Rishon LeZion Gemüse an. Heute ist dies über eine kurze Autostrecke erreichbar, jedoch für die damaligen Verhältnisse, als Pferde und Esel die üblichen Fortbewegungsmittel waren, lag dies ziemlich weit entfernt. In diesem Jahr ging ich in die erste Klasse, wozu ich einen Schulweg von je einer halben Stunde zu Fuß zurückzulegen hatte. Obwohl ich mich in gesellschaftlicher Hinsicht ausgezeichnet eingelebt hatte, bereitete mir das Lernen Schwierigkeiten, da ich die Sprache immer noch nicht perfekt beherrschte. Ich fand einen Brief, in welchem meine Lehrerin meinen Eltern mitteilte, dass ich Schwierigkeiten beim Lesen hätte, den Unterricht störe und zu spät zur Schule käme. Trotz der Schwierigkeiten fühlte ich mich dort wohl und vermisste meine Eltern nicht. Ich gedieh wie Unkraut, welches überall wächst, wohin man es wirft. Ich hatte gute Freunde, mit welchen ich nach der Schule spielte. Erich und ich fuhren zweimal pro Woche mit einem Pferdewagen zu meinen Eltern und an Wochenenden kamen sie, um mich zu besuchen. Ich erlebte eine wunderbare Kindheit. Es gab damals weder Computer, Fernseher, noch elektronische Spielzeuge, hingegen waren wir Kinder sehr einfallsreich und improvisierten und erfanden unsere eigenen Spiele. Zusammengeknüllte Lumpen wurden zu Fußbällen, wir spielten mit Murmeln, Schlagball, Versteck- und Fangspiele und obwohl es keine Kinderspielplätze gab, waren wir glücklich.
Während ich in Gan Rishon LeZion weilte, waren meine Eltern mit den Renovationsarbeiten im Haus und dem Errichten der Brutkästen für die Geflügelzucht beschäftigt. Meine Eltern waren gebildete Leute und kamen, wie viele deutsche Einwanderer, ohne jegliche landwirtschaftliche Vorkenntnisse nach Israel. Mein Vater war bereits 44 Jahre alt und war infolge seiner Poliokrankheit auf Schienen angewiesen, um sein Bein stützten und jede körperliche Arbeit war ihm anstrengend. Trotz seiner Behinderung klagte er nie und unternahm alles, was in seinen Kräften war, um sich für das Haus, den Unterhalt der Familie und unser Wohlbefinden zu kümmern. Im Laufe des Jahres wurde das Einzimmerhaus um zwei weitere Zimmer und ein Badezimmer vergrößert. (Jedes Zimmer kostete damals fünfzig Lirot). Im Hof wurden vier Hühnerställe für je 200 Leghennen gebaut, daneben drei Brutstätten für die Aufzucht von Küken errichtet und Gemüse für den Eigenbedarf angepflanzt. Meine Eltern hatten zwar keine Erfahrung mit Arbeiten dieser Art und es gab vieles, das sie nicht wussten, doch waren die Nachbarn stets gerne mit Rat und Tat behilflich. Damals war Herzliya noch eine Siedlung, wo jeder jeden kannte und Hilfsbereitschaft, gegenseitiger Respekt und Nächstenliebe selbstverständlich waren.
So verging ein Jahr, in dem alle Vorbereitungen getroffen wurden und nach vollendetem Umbau  kehrte ich nach Hause zurück.
  
 
Zuhause wartete ein eigenes Zimmer auf mich, was damals als Luxus galt. In meinem Zimmer stand ein eisernes Bett, zwei Kleiderschränke, ein kleiner Tisch mit vier Stühlen und ... ein Brutkasten mit dreihundertsechzig Eiern. Sehr bald erhielt ich von meinen Eltern die Aufgabe, alle Eier in diesem Brutkasten einmal pro Tag zu wenden. Mit Hilfe einer Lampe, welche in eine Blechdose mit einem kleinen Loch gesetzt wurde, kontrollierte ich, welche Eier befruchtet waren und welche nicht.
Mit meiner Heimkehr trat eine deutliche Verbesserung meiner schulischen Leistungen ein und das Hebräische wurde mir zur geläufigen Umgangssprache. Hingegen hatten meine Eltern mit dem Erlernen der Sprache mehr Mühe. Abends kam jeweils ein Privatlehrer, um ihnen Hebräisch beizubringen, doch konnten sie sich nach vielen anstrengenden Arbeitsstunden kaum konzentrieren und ihr Körper verlangte nach Ruhe und Entspannung.
In jenen Jahren gab es weder Villen noch Luxuswagen und nicht einmal ein Stromanschluss war vorhanden. Wir lebten ein einfaches Leben, wurden jeden Tag vor neue Herausforderungen gestellt und es gab immer allerhand zu tun. Jede Arbeit wurde respektiert und es gab keine größere Befriedigung, als nach anstrengendem körperlichem Aufwand die erzielten Erzeugnisse zu sehen. Meine Eltern als Vorbild betrachtend, wie auch die anderen Siedler, welche von Morgengrauen bis lange nach Sonnenuntergang arbeiteten, fand ich stets meinen Platz, wo ich meinem Alter und meinen Fähigkeiten entsprechend mithelfen konnte und lernte von meinem Vater, die Werkzeuge zu benutzen. Als er mich einmal in meiner Anfangszeit als sein Gehilfe ertappte, dass ich mit einer Zange einen Nagel einzuschlagen versuchte, sagte er wütend:„Einen Nagel schlägt man mit einem Hammer ein.“ Dank der Unterweisungen meines Vaters verbesserte ich meine Fähigkeiten und war stolz, dass ich beim Bau der Hühnerställe meinen Beitrag leisten konnte. Meine Mutter brachte mir Hausarbeiten bei und von ihr lernte ich, Knöpfe anzunähen, Tee zu kochen und in den Gartenbeeten Gemüse zu pflücken. Auf diese Weise erzogen mich meine Eltern bereits in sehr jungen Jahren zu Selbstständigkeit und brachten mir alles bei, was mir später hilfreich sein würde, um den Problemen und Herausforderungen des täglichen  Lebens gewachsen zu sein.
 
Als ich dreizehn Jahre alt wurde und das Bar-Mitzva-Alter erreichte, schenkten mir meine Eltern aufgrund meines Erfindergeistes und meiner Vorliebe für Neuheiten die Buchreihe "Der junge Techniker" in welcher ich über jede Sache nachlesen und Anregungen zum Selberbasteln bekommen konnte. Bis heute sind die Bücher noch in meinem Besitz.
Obschon ich zu den familiären Leistungen meinen Teil beitrug, war ich dennoch fast den ganzen Tag mit meinen Angelegenheiten beschäftigt, war ich doch in erster Linie noch ein Kind und sogar ein rechter Lausbub. Während ich zur Schule ging und mit Freunden spielte, waren meine Eltern mit der Hühnerzucht beschäftigt. Noch bevor wir einen Stromanschluss hatten, zündeten meine Eltern Petroleumlampen an, um den Hühnern die Tageszeit zu verlängern und mein Vater arbeitete stundenlang, um einen guten und reichhaltigen Ertrag zu erzielen. Meine Mutter, die neben dem Haushalt meinem Vater half, flochte Körbe aus Hanfschnüren, um sie Verwandten in Jerusalem und Hadera zu verkaufen, welche mit Küchenartikeln handelten und züchtete Blumen, die sie auf Nachfrage an Wochenenden verkaufte. Meine Eltern verabscheuten keine Arbeit und unternahmen alles, was zum Unterhalt des Hauses beitragen könnte. Sogar Luffas gediehen dem Zaun entlang, welche wir, sobald sie trocken waren, schälten und verkauften.
Abgesehen von den Blumen und dem Gemüse, die meine Mutter züchtete, pflegte und fütterte sie auch ein Dutzend Katzen im Hof, welche als Zeichen ihrer Gefälligkeit  die Mäuse fingen, die sich dort vermehrten. Eines Tages wurde ich von einer Katze gekratzt, was eine pilzartige Infektion in der Achselhöhle verursachte. Meine Lymphdrüsen waren so sehr geschwollen, dass ich den Arm nicht herunter lassen konnte. Der Hausarzt wies mich ins Hadassah Krankenhaus in Jerusalem, wo ich untersucht wurde und mir Spritzen verabreicht wurden. Man riet meiner Mutter, mich operieren zu lassen, um die Drüse zu entfernen. Ich setzte mich zu Beginn der Behandlung artig hin, doch als ich die große Nadel sah, bat ich, auf die Toilette zu gehen, ging hinaus und kehrte nicht wieder zur Behandlungen zurück. Ich war damals kein großer Held.
 
Mit dem Stromanschluss wurde die erste ausschlaggebende Erhöhung unseres Lebensstandards spürbar. Was heute vielleicht selbstverständlich ist, war damals ein bahnbrechendes Ereignis, wovon unsere Lebensweise unmittelbar betroffen war. So wurden zum Beispiel die Petroleumlampen, welche treuen Dienst geleistet hatten, durch eine elektrische Beleuchtung ersetzt und Dank des Kühlschranks, den meine Eltern aus Deutschland mitgebracht hatten und nun endlich an den Strom angeschlossen werden konnte, blieb das Essen tagelang haltbar. Anderseits machte der Motor einen solch ohrenbetäubenden Lärm, dass ich nachts Schlafstörungen hatte. Die Gerüche und der Geschmack der Speisen, die wir kochten, haben sich in meinem Gedächtnis eingeprägt. Freitags bereitete meine Mutter ein "Bauernfrühstück", bei dem es gekochte Pellkartoffeln gab, welche wir mit Sauermilch übergossen und mit eingemachtem Fisch verzehrten. Die Kartoffeln waren noch grün und brannten mir in der Kehle, so dass ich von dieser Mahlzeit nicht wirklich begeistert war. Ich mochte viel lieber Omeletten mit Kabanos, doch wenn es das nicht hatte, gab ich mich stets mit dem zufrieden, was vorhanden war.
 
Nach ihrer Ankunft in Israel, versuchten sich meine Eltern zwar an die Kaschrut zu halten, doch wurde dies in der Praxis oft vernachlässigt, vor allem dann, wenn auf einen verlockenden Hühnerbraten auf dem Tisch verzichtet werden sollte. Wenn zum Beispiel eine Henne eine andere gepickt und sie verwundet hatte, war diese selbstverständlich nicht zu koscherem Schlachten und zum Verkauf geeignet. In solchen Fällen rupfte mein Vater die Federn und wir kamen in den Genuss einer Fleischmahlzeit.
Die Grundlagen des Lebensbedarfs waren gelegt. Es gab Arbeit, ein Dach über dem Kopf, Kleidung und Verpflegung, Schulbildung und sogar ein aktives Gesellschaftsleben und etwas Kultur. Jeden Samstag Abend waren meine Eltern eingeladen oder luden Freunde zum Kaffee ein und im Laufe der Zeit trafen wir uns regelmäßig bei einem Nachbarn, der Klavier spielte. Nachdem sich ein Geigenspieler hinzugesellte, hielten die beiden nachbarschaftliche Konzerte ab. Meine Eltern, welche mir Kultur vermitteln wollten, Wert auf Tischmanieren legten und mich stets ermahnten, höflich zu sprechen und zuzuhören, bestanden darauf, dass ich mich an diesen gesellschaftlichen Abenden zu ihnen geselle, um stillzusitzen und zuzuhören. Die freundschaftlichen Beziehungen äußerten sich nicht nur im gemeinsamen Zeitvertreib sondern auch in gegenseitiger Hilfeleistung und Unterstützung. Wenn ein Nachbar einkaufen ging, so wurde mein Vater stets gefragt, ob er etwas benötige oder umgekehrt waren auch meine Eltern immer gerne zu jeder Hilfe bereit.
 
Meine Eltern waren ständig mit den endlosen täglichen Aufgaben beschäftigt und ließen nicht nach, wenn es darum ging, Probleme oder Hindernisse zu bewältigen. So sorgten sie auch dafür, dass ich eine strenge Erziehung oder wie man so sagt, "eine Erziehung jeckischer Art" erhielt. Neben der Liebe, Umarmungen und den Küssen, die ich erhielt, wurde ich auch zurechtgewiesen, wenn ich eine Dummheit machte oder mich ungeziemt ausdrückte. Es herrschten zuhause Regeln und Vorschriften und ich tat besser, mich an diese zu halten. Falls ich die Regeln nicht einhielt oder die gesetzten Grenzen überschritt, schlug mich mein Vater mit einem Gummischlauch. Die Erziehungsmethoden, welche heute Verwunderung und Empörung erwecken und im Extremfall zu einer Beschwerde bei der Polizei führen, waren damals normal und hatten sich meistens auch bewährt. Viele Regeln drehten sich rund um die Mahlzeiten. Wir aßen immer zur selben Zeit und wenn ich mich verspätete, wurde ich ohne Essen in mein Zimmer geschickt. Ich durfte keine Speisereste auf dem Teller lassen, nach dem Motto "ein gutes Kind isst alles auf". Falls ich etwas auf dem Teller zurückließ, musste ich es bei der nächsten Mahlzeit aufessen, jedenfalls wurde nie etwas weggeworfen. Ich musste mit geschlossenem Mund essen und durfte nicht aufstehen, bevor meine Eltern ihre Mahlzeit beendet hatten. Zu den weiteren Regeln des Hauses gehörte, dass ich zwischen zwei und vier Uhr nicht draußen spielen durfte und selbst wenn ich rebellierte und argumentierte, dass meine Freunde ja auch draußen seien, ließen sie nicht locker. Ich entwischte jeweils aus dem Fenster ins Freie und obschon mich meine Eltern nie auf frischer Tat ertappt hatten, hatten sie jeweils bemerkt, dass ich nicht zuhause war und schickten mich zur Strafe ohne Essen zu Bett. Zwar warfen mir meine Eltern jede Kleinigkeit vor, doch bin ich ihnen für ihre stets guten Absichten nur dankbar und dafür, dass sie die Erziehungsmethode gewählte hatten, die dem damaligen Zeitgeist entsprach.
 
In meiner frühen Kindheit wuchs ich wie in einem Gewächshaus heran, wurde mit Liebe gehegt und gepflegt und bekam die Stürme nicht zu spüren, welche draußen tobten: in Europa die Jundenvernichtung und hier der Kampf der jüdischen Siedlungen gegen die britische Mandatsregierung und die arabischen Nachbarn. Während die Schlachten und Kämpfe an beiden Fronten stattfanden, war mir nur sehr wenig über deren Bedeutung bewusst. Wir hatten ein Radio und meine Eltern hörten BBC und die deutschen Kurzwellensender und waren genau darüber informiert, was vor sich ging. Ich hingegen konnte die Bedeutung der Ereignisse nicht ermessen und meine Eltern ließen mich niemals an ihren Ängsten und Gedanken teilhaben. Den näher liegenden Kampf gegen die Briten und Araber fasste ich in meiner kindlichen Weltanschauung als Kampf der "Guten" (wir) gegen die "Bösen" (die Briten und Araber) auf und obschon sich dieser Kampf direkt vor unserer Haustür abspielte, betrachtete ich alles als ein Kinderspiel und da ich mir der Gefahr nicht bewusst war, fürchtete ich mich nicht.
Ich hatte liebevolle Eltern, ich hatte Freunde und es ging mir gut.
 
Die Tage vergingen und schon waren meine Eltern und ich drei Jahre im Land. Trotz der kurzen Zeit gelang es uns schnell, uns zu akklimatisieren, uns an die Sprache, Sitten und Bräuche sowie an die Landarbeit zu gewöhnen und zu lernen, wie der Hase läuft. Während dieser Zeit, da wir unser Leben von Anfang an aufzubauen hatten, erzielte jeder von uns seine Erfolge. Mein Vater, ein aufrichtiger und respektabler Mann, welcher all die Jahre hart gearbeitet hatte, konnte die Früchte seiner Arbeit ernten, als er im Jahr 1940 aufgrund seiner Fähigkeiten und seiner Persönlichkeit die "Agra Herzliya" gründete, ein landwirtschaftliches Kooperativ, dessen Ziel es war, alle Mitglieder der Organisation mit einer Futtermischung zu beliefern. Unsere arabischen Nachbarn beschafften die Rohstoffe wie Hirse, Kleie, Karuben  Sonnenblumenkerne und Kalzium, welche sie in Säcken brachten und auf den Tennenboden schütteten. Die verschiedenen Zutaten wurden dann alle zu einer einheitlichen Mischung vermengt und in große Jutesäcke gefüllt, welche zu je 70 kg abgewogen und mit Nadel und Hanffaden zugenäht wurden. Zum Schluss kam dann Yehuda Hamami mit seiner, vor einen Wagen gespannten Mauleselin und wir luden die Säcke auf, um sie allen Mitgliedern des Kooperativs zu verteilen. Wer dann in den Genuss der Futtermischung kam, waren die Leghennen, ihre Küken und die Junghennen. Ich war damals ein siebenjähriger Junge und half nach der Schule mit,  die Mischung zu mischen und zu verpacken und fühlte mich als vollwertiger Partner des Lebensprojektes meines Vaters. Mein Vater, der Vorsitzende von "Agra Herzliya", wurde all die Jahre hoch geschätzt und die Bewohner der Siedlung kamen, um seinen Rat zu hören und von ihm zu lernen.
 
Im Gegensatz zu meinem Vater, der sich stets um seinen Erfolg bemühte, war ich nicht immer diszipliniert und anstatt mich auf das Lernen zu konzentrieren, waren meine Gedanken hauptsächlich mit meinen Freunden und dem Spielen beschäftigt. Meine Eltern, für welche die Schule das Wichtigste war, versuchten mir all die Jahre ihre Einstellung zu vermitteln. In Fächern, wo ich Mühe hatte, bestellten sie einen Privatlehrer, dem sie ihr hart verdientes Geld zahlten und verlangten von mir, dass ich mich gleich nach dem Mittagessen hinter die Hausaufgaben setze. Trotz ihrer Bemühungen wollte ich einfach nur Kind sein, anstatt meine Zeit der Schule zu widmen. Ich war hyperaktiv und ein solcher Lausbub, dass der pädagogische Berater der Schule meinen Eltern letzten Endes riet, mich in eine andere Lehranstalt zu schicken. Meine Eltern, die offensichtlich  aufgegeben hatten und für mich das Beste wollten, suchten für mich einen neuen Bildungsrahmen. Frau Yellin, die damalige Direktorin von WIZO Herzliya, eine gute Freundin meiner Eltern, riet ihnen, mich in das Institut in Ramatayim zu schicken. Meine Eltern befolgten ihren Rat und so schlug ich mit neun Jahren wieder einen neuen Weg ein, ohne zu fragen warum und weshalb. Meine Eltern hatten entschieden und damit war mir klar, dass ihr Entschluss weder in Frage gestellt werden konnte, noch ein Diskussionsthema war. Wieder fand ich mich allein in einer fremden Umgebung und musste mich mit einer neuen Situation auseinandersetzen, doch wie immer gab ich mein Bestes und fand meinen Platz.
Ich lebte mit sieben anderen Kindern bei Familie Shapir in Ramatayim. Jedes Kind stammte aus einer anderen Herkunft und einer anderen Kultur und unser Zusammenleben war gleich einem Schmelztiegel der vielseitigen israelischen Gesellschaft. Alle Kinder, ohne Ausnahme, hatten Eltern und ein jeder kam aus verschiedenen Gründen zur Familie Shapir, welche unsere gemeinsame Pflegefamilie war. Während dieses Jahres ging ich in Kfar Malal zur Schule und nach dem Unterricht arbeitete ich wie die anderen Kinder in der Bienenzucht der Familie. Wir wurden in weiße Anzüge gekleidet und mit Handschuhen und Gesichtsmasken von Kopf bis Fuß geschützt, bevor wir zu den Bienenstöcken gingen und die Deckel öffneten, um die Honigwaben herauszuholen. Trotz unseres jungen Alters lernten wir die Zentrifuge zu benutzen, um den Honig von den Waben zu trennen und bald wurden wir zu geübten Imkern.
Während all der Zeit wunderte ich mich nicht, warum mich meine Eltern von zuhause weggeschickt hatten und war mir ihrer Liebe sicher. Ab und zu kam mich meine Tante aus dem nahe gelegenen Magdiel besuchen und alle zwei Wochen fuhr ich übers Wochenende nach Hause. Während dieser Besuche traf ich meine alten Freunden und kehrte in die, mir aus meiner Kindheit so bekannten und geliebten Nachbarschaft zurück. Offensichtlich hatte sich die Entscheidung meiner Eltern als gerechtfertigt erwiesen, denn während dieses Jahres kam ich wieder auf die richtige Bahn, wurde disziplinierter und verbesserte meine schulischen Leistungen. So verstrich ein Jahr und mit den Sommerferien kehrte ich nach Hause zurück.
Die Zeit meiner Abwesenheit von zuhause hatte keine Spuren hinterlassen und schon bald kehrte ich zu den alten Gewohnheiten zurück. Ich war inzwischen etwas vernünftiger geworden und so gaben mir meine Eltern verschiedene Aufgaben, wofür ich ein Taschengeld erhielt - fünf Gruschim pro Woche, was gerade für zwei Kinokarten reichte. Damals gab es in Herzliya ein einziges Kino, das Kino Sharon, wo ich mir zwei-dreimal pro Woche einen Film anschaute. Neben den Kinobesuchen spielte ich in meiner Freizeit meistens mit meinen Freunden. Unser Haus stand stets offen und über die Mittagszeit kamen mich viele Freunde besuchen. Wir öffneten die Spielzeugtruhe mit dem Holzspielzeug und spielten "Eile mit Weile", Halma oder Schach. Da die Ruhezeit zwischen zwei und vier Uhr bei uns zuhause unumstößlich war, breiteten wir vor dem Würfelspiel stets eine Decke auf dem Tisch aus, um Geräusche zu dämmen. Während der Woche war ich die meiste Zeit mit meinen Sommer gingen wir fast jeden Samstag an den Strand. Den Badeanzug und die Hosenträger zog ich mir schon zuhause an und dann fuhren wir mit Esel und Karren über die Sanddünen zum Meer.
 
Obwohl es die meiste Zeit friedlich war und wir sicher durch die Straßen gehen konnten, erschallten gelegentlich die Sirenen, um vor einem Bombenangriff zu warnen. 1944, im Laufe des Zweiten Weltkrieges, bombardierten italienische Flugzeuge aus der Höhe. Da die Sirene aus dem Gebäude des Gemeindezentrums schlecht zu hören war, sprang Eliahu Sasnov jeweils auf sein Fahrrad und fuhr mit einer Trillerpfeife im Mund die Rav-Kook Straße entlang, um die Einwohner vor der Gefahr zu warnen. Zu jener Zeit gab es weder Bunker noch Luftschutzräume und so warfen wir uns jedes Mal in den Straßengraben, sobald wir Eliahus Pfeife hörten.
Als wir wieder einmal am Strand waren, sahen wir, wie ein deutsches Flugzeug von den Engländern abgeschossen wurde. Unsere Beziehung zu den Engländern war in jenen Jahren zwiespältig. Einerseits unterstützten wir sie in ihrem Kampf gegen die Deutschen und anderseits bekämpften wir sie, wenn sie die Flüchtlingsschiffe hinderten, die sichere Küste zu erreichen. Wir befürworteten ihre Außenpolitik und waren gegen die Mandatsregierung in Israel.
In jenen Tagen führten alle Wege an den Meeresstrand, dem Ort der Freizeitbeschäftigung und des Wassersports (ich war wie die meisten in meinem Alter Mitglied der "Chevra Yamit Zebulon", dem Wassersportverein Zebulon), welcher gleichzeitig der Kampfplatz war, wo die Aktionen stattfanden, um die illegalen Einwanderer hereinzuschmuggeln. Wir Kinder waren am Kampf der jüdischen Gemeinde aktiv beteiligt, um die Immigranten, welche mit illegalen Flüchtlingsschiffen aus Europa eintrafen, an Land zu schmuggeln. Jedes Mal, wenn wir vernahmen, dass sich ein Schiff der Küste näherte, liefen wir an den Strand und mischten uns unter die Immigranten und tauschten mit ihnen Kleider aus, um es den Briten zu erschweren, die Immigranten ausfindig zu machen und sie von den Einheimischen zu unterscheiden. Je länger dieser Kampf andauerte, desto schlauer und raffinierter wurden wir Kinder, die Briten auf originelle und spitzfindige Weise in ihrem Vorhaben zu verzögern. Wir kletterten auf die Zypressen und warfen stinkende Eier und faule Tomaten auf die britischen Konvois. Wir sammelten Filmstreifen aus Fotoapparaten, rollten sie in Zeitungspapier ein, drehten die Enden zu, zündeten es an und warfen es in ihre Fahrzeuge, welche bald mit dichtem Rauch gefüllt wurden. Wir fesselten Hunde mitten auf die Straße, so dass den Briten, welche bekanntlich große Hundeliebhaber waren, nichts anderes übrig blieb, als anzuhalten, um die Hunde zu befreien, bevor sie weiterfahren konnten. Wir knüpften eine Schnur an Blechdosen, legten sie auf die Straße und bedeckten sie mit Sand, als ob es eine Mine wäre. Der Minensucher, welcher stets voranging, musste dann jeweils den ganzen Konvoi stoppen und einen Bombenentschärfer bestellen.
Alle Mittel waren erlaubt, die Briten aufzuhalten und so fühlten wir uns als Helden. Nicht selten war es auch vorgekommen, dass die Briten uns nachjagten, doch waren wir flinker als sie, so dass wir nie erwischt wurden. In jenen Tagen, trug jeder seinen Teil dazu bei, die Briten zu bekämpfen, sei es im Kampf, sei es im Gespräch oder im Verbergen von Kampfmitteln.
Eines Tages tauchten zwei Offiziere im Leutnantsrang der Hagana auf einem Motorrad auf und baten meinen Vater, ihnen ein Zimmer zu vermieten. Die Beiden erklärten meinem Vater, dass er in Schwierigkeiten geraten könnte, falls die Briten herausfänden, dass er in seinem Haus zwei Hagana-Soldaten versteckt hielte, aber er hatte keine Bedenken, sondern freute sich, helfen zu können und verdiente zudem noch eine respektable monatliche Miete von fünfundzwanzig Lirot. Das Zimmer, welches sie bewohnten, diente zwar nicht als Versteck, doch reparierten sie hier ihre Waffen und starteten von hier aus ihre Untergrundaktionen, worunter die so genannte "Nacht der Brücken" die bekannteste war. In der Nacht vom 16.-17. Juni 1946 verließen einpaar Saboteure das Zimmer in unserem Haus und starteten den Anschlag, bei welchem an allen Grenzen Israels insgesamt elf Brücken gleichzeitig zerstört wurden. Neun Brücken wurden gesprengt, eine Brücke wurde schwer beschädigt und eine explodierte nicht. Die erfolgreiche Operation hatte eine temporäre Blockierung der, von den Briten benutzten Versorgungsrouten zur Folge.
Inzwischen kam der Zweite Weltkrieg zu Ende. Im Laufe der Jahre schnappte ich aus den Gesprächen meiner Eltern halbe Sätze auf und bekam eine vage Vorstellung über die Gräueltaten, welche in Europa stattfanden. Eines schönen Sommerabends, als wir zum familiären Abendessen auf der Veranda saßen, stellte ich meinem Vater einige Fragen und er erzählte mir ausführlich über Hitler und die unzähligen Juden, die ermordet wurden. Es war das erste Mal, da wir über die Ereignisse des Krieges gesprochen hatten, doch mit keinem einzigen Wort erwähnte mein Vater meine biologische Familie.
 
Im Jahr 1947, als der Weltkrieg längst vorbei war, kamen auf illegalen Schiffen immer noch zahlreiche Flüchtlinge aus Europa an, nachdem sie auf ihrem langen Weg in das Land der Väter zahlreiche Hindernisse überwunden hatten, um hier zu leben. Wer den Holocaust erlitten hatte und überleben konnte, kam ins Heilige Land, in der Hoffnung, hier zu Ruhe zu kommen, doch war hier der Kampf der jüdischen Bevölkerung gegen die arabische Nachbarschaft und die britische Mandatsherrschaft auf seinem Höhepunkt und es herrschte kein Friede.
All diese Ereignisse im Hintergrund, erreichte ich einen wichtigen Abschnitt in meinem persönlichen Leben, den Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein, denn ich wurde 13 Jahre alt und erreichte damit das Bar-Mitzwa-Alter. Wie jedes jüdische Kind in diesem Alter, musste ich auf dieses Ereignis hin die Haftara lernen. Mein Lehrer und Rabbiner war niemand anders als der damalige Metzgermeister von Herzliya, dessen Übername "Hamenaker" ("der Stecher") war, denn nach jüdischem Brauch war es seine Aufgabe, nach der Schlachtung einer Kuh die Sehnen herauszuschneiden. Mit oder ohne Lehrer lernte ich die Haftara auswendig und bereitete mich auf den feierlichen Anlass vor. Jeden Freitag gingen ich und mein Vater regelmäßig in die Synagoge, doch am Tag der Bar-Mitzwa im Monat Tammus 1947 erreichte die Aufregung ihren Höhepunkt und zuhause herrschte Feiertagsatmosphäre. Um halb neun Uhr morgens war ich festlich gekleidet. Mein Vater spannte den Esel vor den Karren und so machten wir uns auf den Weg zur Synagoge der jeckischen Juden, eine Blechhütte im alten Industriegebiet, in deren Mitte der Toraschrein stand. Unter den Anwesenden waren alle Nachbarn, die jeckischen Bekannten meiner Eltern, Verwandte (alle seitens der Familie Alexander), meine Klassenkameraden, Freunde aus der Nachbarschaft, meine Eltern und ich – zu dessen Ehre die Zeremonie stattfand. Männer und Frauen standen getrennt, als ich vor ihnen die Drascha vortrug. Nachdem ich meinen Teil fehlerfrei beendigt hatte, wurde ich zur Bestätigung mit einem Regen von Toffees beworfen. Niemand war an diesem Tag glücklicher als ich. Nach der Haftara zog der ganze Festzug aus der Synagoge in mein Elternhaus hinüber, wo weitergefeiert wurde. Der beidseitig aufgeklappte Tisch war festlich gedeckt und die Gästen wurden mit einem königlichen Mittagessen bewirtet.
Normalerweise aßen wir zweimal pro Woche Fleisch und auch nur nachdem mein Vater das Huhn geschlachtet und meine Mutter es gekocht und in kleine Rationen zerteilt hatte. Es war mir nicht erlaubt, den Topf zu öffnen und trotzdem hatte ich mir manchmal, wenn ich das Huhn auf dem Feuer sah, einen Hühnerschenkel geschnappt und war damit hinausgerannt. Eines Tages legte meine Mutter, welche wusste, mit wem sie es zu tun hatte, anstatt dem Fleisch ein Stück Seife hin und ich Dummkopf bin darauf hereingefallen. Offensichtlich hatte die List meiner Mutter ihre Wirkung, denn der Seifengeschmack im Mund hatte sich bis zum heutigen Tag in meinem Gedächtnis eingeprägt.
Aber der Bar-Mizwa-Tag war anders als alle Tage. Es wurde ein Truthahn geschlachtet und unserer Nachbarin gebracht, welche daraus einen köstlichen Braten zubereitete. An jenem Tag gab es keine Rationen zum Mittagessen, sondern ich konnte nach Lust und Laune von den reichlich vorhandenen Speisen schlemmen!
Nach der Mahlzeit kam der aufregende Moment, auf den jedes Kind wartet – das feierliche Öffnen der Geschenke. Ich erhielt eine Uhr mit einem Nylon-Armband (welche bis heute in meinem Besitz ist), die bereits erwähnte Buchreihe "Der junge Techniker", die immer noch in den Regalen in meinem Wohnzimmer griffbereit stehen, ein Fahrrad, über welches ich noch ausführlich erzählen werde, sowie Bleisoldaten, ein bleierner Jeep und ein bleierner Panzer, welche als meine Privatarmee dienten und ein Gebetbuch mit einem silbernen Einband und einer Widmung von Pinchas Karpiol, dem Besitzer des nachbarschaftlichen Lebensmittelladens. Von einer Klassenkameradin, zu welcher ich besondere Gefühle hatte und sie ihrerseits zu mir, erhielt ich ein Erinnerungsalbum mit einem Einband aus Olivenholz. Dieses Tagebuch, in welches meine Klassenkameraden und auch ich Erinnerungen, Gedichte und Glückwünsche eingetragen hatten, bewahrte ich sorgfältig auf, als greifbare Erinnerung an jenen wunderbaren Tag.
Allmählich zerstreuten sich die Gäste und die Feier ging zu Ende. Am nächsten Morgen ging ich wieder meinem normalen Alltag nach. Obschon ich meinen Eltern an diesem Tag viel Freude bereitet hatte, hielt dies nicht lange an, denn ich war ein unverbesserlicher "Lausbub"! Im Folgenden erzähle ich nur einen Teil meiner Streiche zu jener Zeit:
 
Dies geschah noch früher (1944) auf dem Grundstück des Kibbuzes Glil Yam, ganz in der Nähe der Nachbarschaft meiner Kindheit und meines Elternhauses. Naftali, der Bäckermeister des Kibbuzes backte Brot und jeden Freitag gab es zur Krönung seiner Kochkünste Mohnkuchen und Apfelkuchen. Wir konnten der Verlockung nicht widerstehen und stahlen Kuchen. Da ich sehr schlank war, wurde ich von meinen Kameraden zur Durchführung unseres Vorhabens als am besten geeignet gewählt. Sie stemmten mich hoch, ich schlüpfte zum Fenster hinein und reichte den Kumpanen die Kuchen. Was in der Regel mit Triumph und einer Schlemmerei der eroberten Kuchen endete, kam mir diesmal teuer zu kosten. Naftali, der Bäcker, tauchte unerwartet auf. Meine Freunde rannten davon und ließen einen Kämpfer am Tatort zurück und so wurde ich gefasst. Naftali, informierte meinen Vater, mit welchem er befreundet war, worauf ich gehörig bestraft wurde.
Obwohl ich die Prügel meines Vaters nicht mochte, wurden mir die wahren körperlichen Verletzungen durch meine eigenen Dummheiten verursacht. Dies passierte, als ich einmal im Hof des Nachbarn auf den Taubenschlag hochklettern wollte. Dotschka, einer seiner Söhne, stieß mich mit einem Brett, wobei ich durch einen rostigen Nagel am Knie verletzt wurde und eine Woche im kleinen Beilinson Krankenhaus (heute das Sharon Hospital) verbringen musste. Naiv zu glauben, ich hätte daraus eine Lehre gezogen und sei vorsichtiger geworden. Kaum war die Wunde geheilt, kehrte ich zu meinen alten Gewohnheiten zurück.
Obwohl der Verkehr damals spärlich war, wurde ich davon aufgrund mangelnder Aufmerksamkeit mehr als einmal betroffen, meist belanglos, aber auch ernsthaft. Als ich einmal an einem Winterabend nach der zweiten Schicht aus der Schule auf dem Heimweg war, wurde ich durch das Fahrrad von Yeheskel Frenkel verletzt, worauf ich die Station von Dr. Sternberg und anschließend die Krankenklinik aufsuchen musste. Zwar sind mir die Schmerzen schon längst vergangen, aber die Narbe ist mir bis heute als Andenken an jenen Tag geblieben. Ein anderes Mal ging ich hin, um Eli Cinnamon beim Radwechsel seines LKWs zu helfen. Als ich auf den Lastwagen steigen wollte, um den Ersatzreifen zu holen, verfehlte ich die Flanke des Lastwagens und fiel auf die rechte Seite in den Straßengraben. Nachdem ich mich vom Aufprall erholt hatte, ging mit Dovik, meinem Freund und Mitverbündeten der meisten meiner Streiche, nachhause. Was mich ein harmloser Schlag dünkte, entpuppte sich sehr bald als ernsthafte Verletzung. Der Schmerz wurde intensiver und beim Urinieren trat Blut auf. Meine Mutter bestellte einen Krankenwagen und so fuhren wir zum Krankenhaus in Kfar Saba. Die Fahrt auf der holperigen Straße, welche voller Löcher war, verursachte mir bei jeder Unebenheit starke Schmerzen. Die ärztliche Diagnose lautete – ein Loch in der Niere. Zur Behandlung wurde mir fettreiche Kost verschrieben, um die Niere mit einer Fettschicht zu bedecken. Ich musste zwei Wochen im Krankenhaus verbringen und eine weitere Woche zuhause ruhen.
Dovik und ich hatten verrückte Dinge getrieben, ohne an die Folgen zu denken. So entlehnten wir uns aus der Abstellkammer meiner Eltern den Primuskocher, welchen wir dazu verwendeten, Spinnennetze oder die Haare auf den Beinen und der Brust zu verbrennen (wir waren frühreif und heute hätte man gesagt, wir wären metrosexuell).
Zwar gab es damals noch keinen Luxus, aber wir Kinder wussten, jedes Stück Land, jedes Gerümpel und jeden natürlichen Schatz zu unseren Vorteilen zu nutzen. Ein kleines Wadi, welches sich in unserer Umgebung hinzog, nannten wir "Garten Eden" und nicht grundlos. Wenn der Teich überschwemmt war floss das Wasser das Bachbett hinunter, so dass wir dort baden konnten. Mit etwas Fantasie lässt sich aus jedem Ding einen Nutzen ziehen und selbst eine Wasserleitung, welche aus einem örtlichen Brunnen die Felder der Araber mit Wasser versorgte, wandelten wir in einen "Wasservergnügungspark" um. Es lässt sich leicht verstehen, dass es uns nie langweilig war.
 
Das Bar-Mizwa-Jahr ging schnell vorüber. Für mich war der Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein nicht nur symbolisch, sondern offensichtlich spürbar. Ich war eigensinnig und wusste, meine Meinung gegen die Ansichten meiner Eltern durchzusetzen. Nachdem ich die Grundschule abgeschlossen hatte, trat ich vor meine Eltern hin und erklärte ihnen, dass ich nicht weiter zur Schule gehen werde. Meine Eltern, welche die Schule für den geeigneten Ort eines Kindes in meinem Alter erachteten und der Meinung waren, dass das Lernen für meine Zukunft ausschlaggebend sei, versuchten mich vergeblich von meiner Haltung abzubringen. Ich beharrte fest auf meinem Entschluss und gab nicht nach. Dies hatte natürlich zuhause zu einer Krise geführt, doch nachdem meine Eltern eingesehen hatten, dass man ein Pferd zwar zum Trog führen, aber nicht zum Trinken zwingen kann, stellten sie mich vor ein Ultimatum: Entweder gehe ich zur Schule oder werde zu Verwandten zur Arbeit "verbannt".
Meine Eltern, welche wohl dachten, dass mich dies einschüchtern und von meinem Entschluss abbringen würde, täuschten sich und so verließ ich mit 13 Jahren mein Elternhaus zum dritten Mal und zog zu Verwandten im Moschaw Beit Yitzhak.
Das Verlassen des Hauses hätte eigentlich eine Strafe für meine Lernweigerung sein sollen, doch fasste ich dies eher als eine Belohnung auf, denn andernfalls wäre ich gezwungen gewesen, wieder die Schulbank zu drücken.
Das, mit uns verwandte Ehepaar Hirsch, kannte mich von Kindheit an und schenkte mir ein warmes und unterstützendes Zuhause. Jeden Tag verrichtete ich mit ihnen zusammen allerlei Arbeiten in ihrem Landwirtschaftsbetrieb. Ich mistete den Kuhstall,  molk die Kühe und brachte die Milch in die Molkerei. Es handelte sich um anstrengende Schwarzarbeiten, aber es gefiel mir gut. Die leere Redewendung "Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein" wurde für mich zu einem greifbaren Lebensvorsatz. Ich arbeitete wie die Erwachsenen bis um vier Uhr und kaum hatte ich meine Arbeit beendet, war ich wieder ein Kind. Einerseits befand ich mich in einem gewissen Rahmen und erhielt neben der Arbeit auch Privatunterricht in Englisch und anderseits genoss ich meine Freiheit, derer ich so sehr bedarf. Ich erhielt neben der Entlohnung auch ein Taschengeld und fuhr zweimal in der Woche mit meinem Freund Jan nach Netanya, um zusammen ins Kino zu gehen. Mit Jan, dem Sohn der, aus England stammenden Gründerfamilie des Marmeladenbetriebs 778, verbrachte ich viele unterhaltsame Stunden. Die Tage verstrichen und es gab keinen Moment, da ich Sehnsucht nach meinen Eltern oder Heimweh empfunden hätte. Rückblickend erwies sich die Veränderung nur zu meinen Gunsten. Diese zwei wunderbaren Jahre hatten meine Persönlichkeit und meinen Charakter geprägt.
 
Im Jahr 1948, mit der Heimkehr einer der Söhne des Ehepaares Hirsch, kehrte auch ich nach Hause, zurück in meine Stadt, Herzliya, in mein Elternhaus und zurück zu meinen Kindheitsfreunden. Tagsüber half ich meinen Eltern bei der Arbeit im Betrieb und erhielt dafür ein Taschengeld von fünf Gruschim pro Woche. Ab und zu verrichtete ich nachmittags allerlei Gelegenheitsarbeiten und verdiente dabei einen Stundenlohn von zweieinhalb Gruschim. Meine Freunde und ich waren eine sehr gefestigte und vereinte Gruppe. Wir spielten zusammen, sahen miteinander Filme an und kämpften gemeinsam gegen die Briten. Vielleicht wäre es anmaßend oder naiv zu glauben, dass meine Freunde und ich eine Änderung und den Abmarsch der Briten verursacht hätten, jedenfalls trugen wir zweifellos, wie viele andere, unseren Teil dazu bei, so dass die gemeinsame Anstrengung der gesamten jüdischen Gemeinde am 29. November 1947 schließlich zur Resolution der Vereinten Nationen geführt hatte, welche die staatliche Teilung des Landes unter die beiden Völker und die Aufhebung des britischen Mandats über Israel beschlossen hatte. Ich war damals vierzehneinhalb Jahre alt und wie alle über die Größe dieses Ereignisses ergriffen. Die Freudenfeste dauerten nicht lange an, denn bereits am folgenden Tag brach der Unabhängigkeitskrieg aus. Der Krieg wurde durch die Opposition der israelischen Araber und der arabischen Staaten ausgelöst, welche die Empfehlung der Generalversammlung der Vereinten Nationen ablehnten, auf dem mandatorischen Palästina zwei Staaten, einen jüdischen und einen arabischen, zu errichten. Die Araber stellten sich der Verwirklichung der Entscheidung entgegen und versuchten, mit Gewalt eine arabische Herrschaft über das Land zu erzwingen. Die israelischen Araber eröffneten den Kampf unmittelbar nachdem die UN-Generalversammlung die Entscheidung gefällt hatte, indem sie ungewohnte Kräfte von außen zu Hilfe zogen. Die Kämpfe brachen auf den Straßen und in Städten mit gemischter Bevölkerung aus und abgelegene jüdische Siedlungen wurden angegriffen. Die herrschenden Streitkräfte des britischen Mandats, welche sich auf ihre Vorbereitungen zum bevorstehenden Abzug konzentrierten, verhinderten die freie Einwanderung von Juden und untersagten die Einfuhr von Waffen, sowie das Halten von Waffen und das militärische Organisieren jüdischer Streitkräfte. Die jüdischen Abwehrkräfte setzten sich aus drei jüdischen Organisationen zusammen, welche unter Untergrundbedingungen aktiv waren: die "Haganah" war die größte und dominierendste unter ihnen, welche sich mit der Organisation des Arbeiterlagers und der jüdischen Siedlungen in Israel identifizierte. Daneben waren "Etzel" und "Lechi" kleinere Organisationen, welche sich mit den Revisionisten identifizierten. Angesichts dem Abzug der Briten und der Errichtung und Festigung der Abwehrkräfte war es offensichtlich, dass sich die arabischen Staaten dem Kampf anschließen würden, weshalb man sich in verschiedenen Bereichen zu organisieren begann: mit der Rekrutierung und Einübung von Personal, der Fortsetzung der illegalen Einwanderung, dem Kauf von Waffen im Ausland und deren Schmuggel nach Israel, sowie der Herstellung von Waffen und Munition unter Untergrundbedingungen. Die Organisation erfolgte immernoch auf freiwilliger Basis und ich und viele meiner Freunde worben uns bei der Haganah an und dienten als Boten. Wir erhielten von Israel Liebermann, einer der Führer der Haganah in Herzliya, Zettel mit den Namen und Adressen der Wächter der selben Woche, gingen damit unter Lebensgefahr hin, während um uns herum geschossen wurde und klopften an die Türen der betreffenden Häuser, um die Wächter zu informieren, wann und wo sie anzutreten hätten. Außer meiner offiziellen Aufgabe als Laufbursche im Dienst der Haganah nahm ich auch aktiv daran teil, die Kommunikation der Briten zu stören. In jenen Tagen kamen viele Freiwillige aus dem Ausland (die so genannten "Machal"), darunter auch mein Cousin aus Schweden, welcher ein Radio-Techniker war. Er baute mir aus Akkumulatoren eine Morsestation und brachte mir deren Benutzung bei. Mit Hilfe des Morsegerätes störte ich die Radarsendungen, bis mir eines Tages zu Ohren kam, dass die Briten auf der Suche der Störungsquelle seien und tatsächlich bemerkte ich gleich ein Militärfahrzeug mit einer "lustigen" Antenne vor unserem Haus. Als Gegenmaßnahme bat ich von zwei Freunden, raus zu gehen und sich neben den Straßenrand zu stellen, um mich jeweils zu warnen, wenn sie wieder in unserer Umgebung auftauchen würden. Um über eine, sich nähernde Gefahr zu informieren, benutzten wir selbst gebastelte Kommunikationsmittel, indem wir zwischen mir und ihnen zwei Blechdosen über eine, mit Milch benetzte Spagatschnur spannten, welche zur Übermittlung der vertraulichen Mitteilung dienten.
Obwohl es in unserer Umgebung nicht selten zu einem Schusswechsel kam und abgelegene Siedlungen angegriffen wurden, fürchtete ich mich nicht, denn ich hatte meine Wachen aufgestellt, um mich und meine Geliebten jederzeit und bedingungslos zu schützen.
Je länger die kämpferischen Tage andauerten, desto mehr und mehr Leute sammelten sich in den Radiobunkern. Am 14. Mai 1948 erreichte die Zuhörerschaft ihren Höhepunkt, als der erste Ministerpräsident, David Ben Gurion, die Gründung eines jüdischen Staates, den Staat Israel proklamierte. Die Menschen jubelten in den Straßen und die Herzen hüpften vor Freude, doch die Kämpfe ließen nicht nach, sondern wurden nur noch stärker. Arabische Länder traten dem Krieg bei, indem eine Invasion ihrer regulären Armeen in den eben neu gegründeten Staat eindrang. Der, unter Kriegsbedingungen errichtete Staat ernannte eine provisorische Regierung und legte die Ordnung der Staatsführung und Gerichtsbarkeit fest und die Kampftruppen, welche seit der Staatsgründung  "Schutzkräfte" genannt wurden, wurden am 26. Mai 1948 offiziell zu Israels Verteidigungsarmee erklärt. An einem jener Tage, als der Krieg auf seinem Höhepunkt war, stieg ich mit Freunden auf den Wasserturm (welcher heute im Schulhof der Weizmann Schule steht) und sah, wie die Zentralbusstation von Tel-Aviv bombardiert wurde.
Schließlich legten sich im Januar 1949 die Kampfaktionen und ca. ein halbes Jahr später, am 20. Juli des selben Jahres, wurde das offizielle Ende des Unabhängigkeitskrieges verkündigt. Trotz all der Opfer, die die Kämpfe forderten, gewann der Staat Israel Oberhand und besiegte alle arabischen Länder. Kaum war der Sieg errungen, brachte er neue Probleme mit sich: Die Tore Israels wurden für alle Einwanderer geöffnet, für welche der junge Staat gleichermaßen wie für die übrige Bevölkerung entsprechende Lösungen für die wachsende Wohnungsnachfrage, Beschäftigung, Bildung, Gesundheit und Unterstützung zu sorgen hatte. Die staatlichen Einnahmen reichten nicht aus, um die nötigen Ausgaben zu decken und die Wirtschaft war nicht fähig, ihre eigenen Grundbedarfsmittel selbst zu produzieren. Die Landwirtschaft erzeugte nur 50% des Nahrungsbedarfs, obschon sie der Hauptwirtschaftszweig darstellte und die Staatskasse hatte kein Geld, um Rohstoffe und Treibstoffe für die Industrie zu importieren. Zur Bewältigung dieser Situation führte die Regierung eine strenge Rationierungspolitik ein, in deren Rahmen Lebensmittel, Kleidung und Möbel für jeden Bürger rationiert wurden, um sicherzustellen, dass die Grundbedürfnisse eines jeden befriedigt würden. Jedoch entwickelte sich während der Durchführung dieser Rationierungspolitik ein "Schwarzmarkt-Verhalten", so dass Produkte, welche als rationiert galten und einen einheitlichen Preis hatten, an Wohlhabende zu größeren Rationen und zu übertriebenen Preisen verkauft wurden.
Der Zeit entsprechend war auch unsere Situation nicht anders, doch hatten wir wenigstens den Hühnerhof mit den Eiern und kamen doch ab und zu in den Genuss eines Hühnerbratens, so dass wir nicht Hunger leiden mussten. Wie benutzten wie alle anderen Lebensmittelcoupons, doch weil in unserer Nachbarschaft jeder für jeden verantwortlich war, tauschten wir die Coupons, wenn nötig, mit unseren Bekannten und leisteten gegenseitige Hilfe, wo immer wir konnten. Eine der Nachbarinnen nähte mir und ihrem Sohn weiße Russenhemden. Kleider, welche mir zu klein waren, gingen an die Nachbarskinder über und wenn es an der Zeit war, unseren Kühlschrank zu enteisen, welcher einer der einzigen in der Nachbarschaft war, wurde das Eis in Zeitungspapier eingewickelt und mit viel Respekt einer Nachbarin gebracht, welche auch einen Kühlschrank besaß. Was aber trotz allem und vor allem die Zeit der Rationierungspolitik charakterisierte, war der Schwarzmarkt. Zwar fürchtete jeder jeden, doch verkaufte fast jeder insgeheim illegale Produkte zu überhöhten Preisen. Jedermann in der Stadt war verdächtig, als Gesandte von Dov Joseph, dem zuständigen Minister für Angelegenheiten der Rationierungspolitik zu agieren. Wir konnten nur unseren Verwandten wirklich vertrauen.
Eines Tages, als ich mit zwei Hühnern auf dem Weg zum Metzger war, wurde ich von der Polizei angehalten. Alle Erklärungen, dass wir eine Hühnerzucht hätten, nützten nichts und es blieb mir nichts anderes übrig, als ihnen auf die Polizeistation zu folgen. Erst als sich meine Geschichte als wahr erwiesen hatte, ließen sie mich gehen. Als ich nach Hause entlassen wurde, wurden viele andere verhaftet, welche versuchten, Geflügel und Eier nach Tel-Aviv zu schmuggeln. Auf der Yarkon-Brücke hielten die, in khakifarbenen Uniformen gekleideten Polizisten der Wirtschaftsabteilung Autobusse an und führten Durchsuchungen durch. Wenn ein Korb mit Eiern entdeckt wurde, taten alle so, als hätten sie nichts damit zu tun, worauf die Ware beschlagnahmt wurde. Einmal fuhr ich mit meiner Mutter mit einem dieser Busse nach Tel-Aviv. Wir hielten in einer großen Wassermelone ein Hühnchen versteckt, um es Verwandten zu bringen. Das Hühnchen und wir kamen glücklich am Ziel an. Meine Mutter war offenbar mutiger als mein Vater und nahm das Risiko auf sich, wogegen mein Vater niemals erlaubte, einem Fremden etwas zu verkaufen, was sich im Nachhinein als gerechtfertigt erwies. Einer seiner Bekannten, welcher auf dem Schwarzmarkt Handel trieb, tauschte Eier und Hühner, um dafür Butter oder Milchpulver zu erhalten. Eines Tages kam eine fremde Frau mit einem Baby auf dem Arm vor unsere Haustür und bat, ihr um jeden Preis fünf Eier zu verkaufen. Mein Vater lehnte energisch ab und sagte ihr: „Wenn Sie Eier möchten, gebe ich sie Ihnen, aber ich nehme von Ihnen kein Geld entgegen.“ Sie versuchte ihn zu überreden und sagte: „Ich will nichts umsonst, ich möchte dafür bezahlen“, doch mein Vater weigerte sich beharrlich, bis ihr nichts anderes übrig blieb, als ihr Glück anderswo zu versuchen. Die Ausdauer machte sich bezahlt und einer der Nachbarn verkaufte ihr die gewünschten Eier. Der selbe Nachbar, welchen mein Vater in seiner Klugheit nicht besuchte, tappte in die Falle, denn es stellte sich heraus, dass die unschuldige Frau eine Geheimpolizistin in Zivilkleidung war. Der Nachbar, wie auch andere, welche ihr verkauft hatten, wurden verhaftet und mussten 48 Stunden auf der Polizeistation in Kfar Saba verbringen.
Im Alter von sechzehn Jahren, ließen sich mein guter Freund Dovik und ich im Innenministerium Waffenscheine ausstellen und mit unserem ersparten Geld kauften wir uns 22kal-Karabiner-Gewehre.
Eines Tages, als wir wie gewohnt auf Taubenjagd gingen, bot sich uns ein entsetzliches Schauspiel. In einem der Zitrusplantagen in der Umgebung, wo wir wohnten, sahen wir Leute, die Pferde und Esel schlachteten, um das Fleisch auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Obwohl wir unverfrorene Lausbuben waren, schockierte uns dieser Anblick zutiefst. Aus dieser Episode lässt sich erkennen, dass wir Tierliebhaber waren, auch wenn wir Tauben jagten. Was unsere Augen gesehen hatten war unverzeihlich. Die Zitrusplantage verlassend, gingen wir direkt zur Polizei und beschwerten uns über die Übeltäter, welche sofort verhaftet wurden. Es stellte sich heraus, dass es sich um zwei Metzger aus Jaffo und Tel-Aviv handelte, welche eine Möglichkeit suchten, sich zu bereichern.
Die Rationierungspolitik wurde während zwei Jahren durchgezogen, bis sie mit der, sich langsam stabilisierenden israelischen Wirtschaft vermehrt auf Kritik seitens der Bevölkerung wie auch seitens politischer Gruppierungen stieß. Als infolge einer umstrittenen Entscheidung der selben Regierung Wiedergutmachungsgelder aus Deutschland einzutreffen begannen und viel Fremdwährung ins Land hineinfloss, wurde die Rationierungspolitik gänzlich aufgelöst. Die Zeit des Schwarzmarktes war damit vorbei.
 
Im Jahr 1950, noch zur Zeit der Rationierungspolitik, suchten meine Eltern einen, für mein Alter geeigneten Rahmen. Die Lösung war diesmal der Kibbuz Hulda und wieder zeigte ich mich nicht abgeneigt, meine Stadt zu verlassen, um mein Glück an einem neuen Ort zu versuchen. Während diesen Monaten blieb ich mit meinem alten Freund Dovik über den Briefwechsel in Kontakt. Ich schickte ihm Romane und er schickte mir ein seltenes Foto vom schneeweißen Herzliya, denn im selben Winter hatte es geschneit und ich bedauerte nur, dass ich dies nicht mit eigenen Augen sehen konnte.
Der Versuch, für mich einen neuen Rahmen zu finden, hielt nicht lange an, doch eine Begebenheit aus dieser Periode ist mir in unvergesslicher Erinnerung geblieben: Wir fuhren an einem Samstag auf einer, von einem Traktor geschleppten Plattform zum nahe gelegenen Kibbuz Naan. Vor einem der steilen Abhänge versuchte Yossi Kurz, der Traktorfahrer, den Gang hinunterzuschalten, jedoch erfolglos. Der Traktor fuhr mit hoher Geschwindigkeit im Neutralgang und da die Plattform keine Wände hatte, wurden die Jungs aus dem Wagen auf die Straße geschleudert. Ich lag in der Mitte und meine Hose verfing sich an einem hervorstehenden Nagel und so wurde ich gerettet. Zum Glück waren zu jener Stunde keine Autos unterwegs, sonst wäre das eine Katastrophe gewesen.
Gesund und munter kehrte ich einpaar Monate später nach Herzliya zurück.
 
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Im Jahr 1951 ging die Periode der Rationierungspolitik ihrem Ende entgegen. Aus Deutschland wurden Wiedergutmachungsgelder für die Holocaustüberlebenden direkt in die Staatskasse eingezahlt, was die Fremdwährung wunderbar aufbesserte. Allmählich nahm das Leben seinen normalen Lauf, indem die ehemaligen und die neuen Einwanderer den Schmelztiegel der israelischen Gesellschaft bildeten.
 
Meine Eltern arbeiteten hart und ihre tägliche Arbeit brachte ihnen Genugtuung. Nur ich hatte meinen Platz immer noch nicht gefunden. Ich war ein 16-jähriger Jüngling mit Stirnlocke, sehr gesellig und Herausforderungen suchend. Zur Schule war ich schon längst nicht mehr gegangen und obwohl ich meinen Eltern half und Gelegenheitsarbeiten verrichtete, hatten sie das Gefühl, dass das nicht genug sei. Wie schon oft in der Vergangenheit, waren sie wieder der Meinung, dass ich einen Rahmen nötig hätte, welche mir den richtigen Kurs gäbe. Sie suchten und fanden! Durch die WIZO-Organisation schloss ich mich einer Gruppe von Jugendlichen der "Aliyat Hanoar" an und fand mich bald im Kibbuz Beeri in der Negev-Region, fern von den Eltern, fern von zu Hause und fern von meinen Freunden.
Wir waren eine Gruppe von ca. vierzig Jungen und Mädchen, wohnten zu sechst in einer Baracke und aßen im Speisesaal des Kibbuzes. Ich, der wie immer aus jeder Situation das Beste zu ziehen wusste, lebte mich schnell ein. Wir hatten einen festen Tagesplan, so dass jeweils einen halben Tag gelernt und einen halben Tag gearbeitet wurde. Zum ersten Mal, stieg ich auf einen Traktor und da man damals keinen Führerschein dazu benötigte, fuhr ich auf den Feldern, welche wir bearbeiteten und bekam Übung damit.
Die idyllische Landschaft täuschte. Der Kibbuz Beeri lag Nahe an der ägyptischen Grenze und es kam zu jener Zeit vor, dass Fedajin eindrangen, den Frieden zu stören und Schrecken zu verbreiten. An allen Ecken des Kibbuzes wurden Wachttürme errichtet und wer das Passwort nicht wusste, wurde als Eindringling angesehen und erschossen. Die Abende verbrachten wir gemeinsam. Ich hatte eine Partnerin, Tikwa aus Petach Tikwa. Einmal pro Woche sahen wir einen Film an, wozu der Speisesaal im Nu in ein improvisiertes Kino umgewandelt wurde. Auch mit der übrigen Zeit fanden wir immer etwas anzufangen. Wegen der großen Entfernung von zu Hause, blieb ich an Wochenenden jeweils in Beeri und fuhr nur in den Ferien meine Eltern besuchen. An den meisten Sabbattagen unternahmen wir trotz der Warnungen und Risiken Ausflüge in die Umgebung. An einem dieser Sabbattage gingen wir zur ägyptischen Grenze. Wir hatten vor, die Grenze zu überqueren und zu den Obstgärten zu gelangen, um Trauben und Feigen zu essen. Während jeder von uns bewaffnet war, schritten wir bedenkenlos dem Ziel entgegen. Damals trennte nur ein Wadi zwischen Israel und Ägypten. Als wir bereits in feindliches Gebiet vorgedrungen waren, hörten wir plötzlich aus dem Wadi das Geräusch eines sich nähernden Autos. Wie Kinder, welche ein Versteck- oder Fangspiel spielten, begannen wir sofort in Richtung Israel zurück zu rennen. Wir hatten den Hügel noch nicht erreicht, als eine Salve von echten Kugeln auf uns gefeuert wurde. Ich warf mich auf den Boden, um den Kugeln zu entweichen, welche nur wenige Zentimeter von meinem Körper entfernt vorbeipfiffen. Einer der Burschen, welcher schon in Sicherheit war, warf mir ein Seil zu und rief: „Yehuda, binde das Seil um deinen Fuß, wir ziehen dich heraus.“ Ich tat so und wurde auf diese Weise gerettet. Wir kehrten in die sichere Umzäunung des Kibbuzes zurück und hielten diese Episode verschwiegen, als ob nichts geschehen wäre. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass diejenigen, welche auf uns geschossen hatten, eine israelische Patrouille war und uns als Eindringlinge hielten, d.h. wir waren unter Eigenbeschuss geraten.
Sechs Monate waren vergangen, seit ich nach Beeri gekommen war, als wir eines Nachts, wie in vielen Nächten zuvor, routinemäßig in unserem Hinterhalt lauerten, um einen Konvoi arabischer Schmuggler abzufangen, welche Drogen und Zigaretten über die Grenze in die Westbank schmuggelten. Der Fährtensucher ging dem Konvoi voran und war der Erste, der die Grenze überquerte. Er hielt das eine Ende eines Seils in der Hand, während der Zweite des Konvois das andere Ende festhielt, um bei einer Gefahr durch ein Seilziehen gewarnt zu werden und die Kolonne zu stoppen. In jener Nacht fassten wir den Fährtensucher und jemand stach ihn zu Tode. Ich fasste das Seil an seiner Stelle bis jedes Mitglied der ganzen Kolonne in die Falle getreten war und wir sie alle fassen konnten. Ich war ein neugieriger Junge und trat an die Leiche des Fährtensuchers heran. Ich fand auf seinem Körper einen Revolver, nahm ihn als Andenken an mich und versteckte ihn in meiner Tasche. Es war mir absolut klar, dass es streng verboten war, den Kibbuz mit einem Revolver zu betreten und dass es böse Folgen auf sich ziehen würde, wenn dies bemerkt würde. Gleich am nächsten Morgen, ohne jemanden darüber zu informieren, fuhr ich per Anhalter mit einem Milchlastwagen und kehrte nach Herzliya zurück. Ich kann es mir bis heute nicht erklären, was mich dazu getrieben hatte, die Waffe an mich zu nehmen, hatte ich doch keinerlei Absichten, damit zu schießen. Vielleicht war es die Herausforderung, meine alten Freunde zuhause zu beeindrucken, was mich zu dieser Tat bewegt hatte. Wie dem auch sei, befand ich mich sechs Monate, nachdem ich das Elternhaus verlassen hatte wieder an der gleichen Stelle wie zuvor. Ich zeigte den Revolver meinen Freunden und wickelte ihn anschließend in ein, mit Schmiere eingeöltes Pergamentpapier und steckte ihn in eine Blechdose, welche ich in der Erde vergrub. Seither hatte ich ihn nie wieder gesehen, obwohl ich mir genau gemerkt hatte, wo ich die "Schatztruhe" vergraben hatte. (Inzwischen wurde das Grundstück verkauft, welches damals öde lag).
Meine Eltern, welchen der Grund meiner Heimkehr fragwürdig war, versuchten zu verstehen, was passiert sei. Ich erzählte ihnen die ganze Geschichte über den Revolver, doch als sie mich fragten, was ich damit gemacht hätte, sagte ich, ich hätte ihn abgeliefert und damit war die Sache erledigt.
Obwohl meine Eltern von  meiner Heimkehr nicht begeistert waren, akzeptierten sie mich zuhause, unter der Bedingung, dass ich arbeiten gehe. Es blieb mir noch über ein Jahr bis zu meiner Rekrutierung ins Militär. Ich half zwar im Betrieb mit, doch suchte ich mir einen echten Job, welcher mir ermöglichen würde, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, um unabhängig zu sein und fand auch, was ich suchte.
Im Jahr 1952 begann ich im Kooperativunternehmen "Chof-Yam" zu arbeiten, welches zur Lieferung von Sand, grobkörnigem Sand und Kies spezialisiert war. Anfänglich benutzte ich einen WD9-Traktor mit einem Anhänger, um damit an den Strand zu fahren. Dort lud ich mit Hilfe einer Schaufel drei Kubikmeter Sand auf den Wagen und fuhr damit zu den Bauunternehmern. Ich bewährte mich bei meiner Arbeit und erhielt von meinen Vorgesetzten und Kunden große Anerkennung. Aufgrund meiner vortrefflichen Leistungen wurde ich befördert und zum Höhepunkt der Anerkennung kaufte der Kooperativ speziell für mich einen neuen Traktor. Die "Probefahrt" machte ich im Kibbuz Shefayim, während der Traktor vor den Mistverteiler mit organischem Dünger gespannt wurde. Wir verteilten den Dünger auf die Felder des Kibbuzes und aßen anschließend das Frühstück in der Scheune, wo ich lernte, wie man Milchkaffee zubereitet: Man setzt einen Finjan auf das Feuer, gibt Milch und einen Teelöffel Kaffee hinein. Wenn die Milch hochzusteigen beginnt, ist dies das perfekte Timing, den Finjan vom Feuer zu nehmen und den Kaffee in Gläser zu gießen. Nun sind es bereits sechzig Jahre her, da ich den Kaffee noch auf die genau gleiche Weise koche und das wunderbare Aroma erinnert mich stets an jene vergangenen Zeiten.
Am Ende eines jeden Arbeitsmonats wurde ich bezahlt. Den größten Teil des Lohnes brachte ich zur Bank und zahlte meinen Eltern jeden Monat fünfzig Lirot für Unterhalt und Verpflegung. Obwohl ich erst ein sechzehneinhalb-jähriger Bursche war, war das sogar für die damalige Zeit selten, dass ein Sohn seinen Eltern Geld gab. Im Nachhinein kann ich ihnen für ihre Erziehung und die daraus erworbene Selbständigkeit nur danken.
Am Abend, nachdem ich meine Arbeitskleidung abgelegt hatte, verbrachte ich die Zeit mit Gleichaltrigen. Wie immer war das Kino unsere Hauptunterhaltung, während wir die übrige Zeit auf den Eisenstangen saßen und uns über aktuelle Angelegenheiten unterhielten.
Als ich 18 Jahre alt war, ging ich mit einpaar Freunden zur Rekrutierungsstelle. Ich war hoch motiviert und selbstsicher über meine Fähigkeit, dem Staat meinen Nutzen erweisen zu können. Es war mir bewusst, dass die Kinderlähmung, an welcher ich erkrankt war, mein Profil reduzieren würde, doch hatte ich über viele Jahre hinweg stets darauf geachtet, meine Hand zu stärken, indem ich die drei Kühe von Hand molk und so hatte ich keine Bedenken, dass dies ein Hindernis darstellen könnte. Hingegen war da ein Freund, der vor uns prahlte und uns stolz erklärte: „Ihr werdet noch sehen, wie ich vom Militär befreit werde.“ Er erteilte mir Anweisungen und sagte: „Ich gehe zum Arzt rein und werde so tun, als ob ich taubstumm sei und Du, Yehuda, Du wirst mit mir in der Taubstummensprache reden und dem Arzt erklären, dass ich nicht höre.“ Nachdem ich von ihm über alle Einzelheiten instruiert wurde, wie wir damit vorgehen, gingen wir zum Arzt hinein. Wir zogen die Kleider aus und wurden gemustert. Als sich der Arzt an meinen Freund wandte, erklärte ich ihm, wie besprochen, dass er taubstumm sei. Wir zogen uns wieder an, gingen hinaus und nur der scheinbar taubstumme Freund blieb als Einziger zurück. Wie es das Schicksal wollte, schnellte die Tür plötzlich zu, so dass der Schlüssel auf den Boden fiel. Der Arzt rief ihm zu: „Heb den Schlüssel auf.“ Der Dummkopf vergaß während dem Bruchteil einer Sekunde, dass er taub sei und hob den Schlüssel auf, worauf er natürlich nicht vom Militär befreit wurde – wie es im bekannten Sprichwort heißt: "Gott gibt dem Nüsse, der keine Zähne hat."
Ich, der davon geträumt hatte, in die Armee zu gehen und alles unternommen hatte, um meine Tauglichkeit zu beweisen, bekam von der Rekrutierungsstelle ein Dienstbüchlein auf welchem stand: "Permanent untauglich". Im Moment, da der Stempel darauf gesetzt wurde, fand ich mich mit dieser Angelegenheit ab, ging nach Hause und kehrte zu meiner Arbeit bei "Chof-Yam" zurück.
Einerseits hatte es mich sehr bedrückt, als all meine guten Freunde in die Armee einrückten, doch anderseits kam ich beruflich weiter, verdiente nicht schlecht, sparte Geld und kam im Leben vorwärts.
 
Während der Jahre, da meine Freunde der Armee dienten, setzte ich meine Arbeit im Kooperativunternehmen "Chof-Yam" fort. Unterdessen machte sich die Herzkrankheit (Angina Pectoris) meines Vaters durch eine allgemeine Schwäche bemerkbar, infolgedessen er nicht mehr zu körperlichen Arbeiten fähig war, welche dann nach meiner Arbeitszeit von mir und von meiner Mutter erledigt wurden. Meine Mutter, welche auch schon eine Frau in den besten Jahren war, führte vor allem den Haushalt, während ich im Betrieb arbeitete. Ich war ein junger Mann in seinen frühen Zwanzigerjahren, war kräftig und bewältigte innerhalb von 24 Stunden Dinge, wozu andere eine ganze Woche benötigt hätten. Außer der Arbeit bei "Chof-Yam" und der Hilfeleistung für meine Eltern, fand ich auch Zeit, vor allem an Wochenenden, um auszugehen, mich zu vergnügen und Englisch zu lernen. Ich besuchte das britische Institut für schriftliche Ausbildung und erhielt von einer Nachbarin, welche Englischlehrerin war, Nachhilfestunden in Englisch. Ich war ein so genannter "Anglophil" – jemand, der die englische Sprache, Kultur und die englische Art verehrte. Meine Englischkenntnisse nutzte ich zu meinem neuen Hobby aus, dem Amateurfunk. Nicht nur dass mich dies faszinierte, es ist nicht übertrieben gesagt, dass ich in diesem Gebiet süchtig war. Einer meiner Freunde hatte eine Lizenz für eine Amateurfunkstation, wo ich mit ihm viele Stunden oder besser gesagt, viele Nächte verbrachte. Mehr als einmal blieb ich bis um halb vier oder vier Uhr morgens bei ihm, ging nach Hause, zog mich um und ging zur Arbeit. Nach einer schlaflosen Nacht und einem Tag anstrengender körperlicher Arbeit, kehrte ich nach Hause, legte mich hin, um Zeitung zu lesen, schlief ein und wachte erst im Morgengrauen wieder auf. Dies waren lange, fast schlaflose Tage und Nächte, aber zweifellos eine der schönsten Phasen meines Lebens. Über den drahtlosen Funkverkehr sprach ich mit Radio-Amateuren auf der ganzen Welt, vor allem mit solchen auf dem afrikanischen Kontinent. Ein Funkgespräch, welches mir in besonderer und unvergesslicher Erinnerung geblieben ist, führte ich mit niemand anderem als mit König Hussein von Jordanien persönlich. Das Gespräch kam über die Verbindung mit einem gemeinsamen Freund aus London zustande, als der König der englischen Hauptstadt einen Besuch abstattete. Ich hörte den König mit jemandem sprechen und fragte ihn ungeniert, ob ich mit ihm sprechen dürfe. Der König fragte wie ich heiße und woher ich sei und als ich antwortete: „Ich heiße Yehuda und bin aus Israel.“ schien der König einen Moment zu zögern, doch dann führten wir einen sachlichen Smalltalk. Infolge dieses Gesprächs erhielt ich von der Post eine Tonspur mit der Mitteilung, dass ich mit dem Feind gesprochen hätte und der Warnung, dass mir die Lizenz genommen würde, falls ich den Kontakt nicht sofort abbrechen würde. Da ich nicht jemand bin, der gerne Anweisungen entgegen nimmt und schon gar nicht, wenn sie unbegründet sind, antwortete folgendermaßen: „Ich habe nicht mit einem feindlichen Land gesprochen, sondern mit einem Menschen, der sich in England aufhält.“ Wie immer sorgte ich dafür, das letzte Wort zu haben.
Während ich die meisten meiner Angelegenheiten unter voller Kontrolle hatte – so dachte ich wenigstens – war ich gegenüber dem Gesundheitszustand meines Vaters machtlos. Ende 1955 trat eine bedeutende Verschlechterung seines Zustands ein. Ein Verwandter, Dr. Sgan-Cohen aus Jerusalem, Abteilungsleiter im Hadassah Krankenhaus, welcher unter anderem der Privatarzt des ehemaligen Präsidenten, Yitzhak Ben-Zvi war, sorgte dafür, dass mein Vater in das Hadassah Krankenhaus eingewiesen wurde, wo er die beste Behandlung erhielt. Doch trotz der guten Beziehungen, optimalen Behandlung und dem freundlichen Verhältnis nützte alles nichts und am 2. Januar 1956 starb mein Vater, Leo Alexander, im Alter von erst 61 Jahren. Meine Mutter war in seinen letzten Augenblicken nicht zu seiner Seite und erhielt die traurige Nachricht zuhause. Obwohl sie wusste, dass er krank war und sich das Ende näherte, fand sie sich sehr schwer mit der Tatsache ab, dass ein Lebensabschnitt zu Ende war und ihr geliebter Mann, ihr Vertrauter und Lebensgefährte nicht mehr lebte. Ich, ihr einziger Sohn (so glaubte ich damals noch) hatte mit seinem Tod einen Freund und Ratgeber fürs Leben verloren, welcher sich für mich eingesetzt hatte und alles hingab, um mir eine gute Erziehung zu bieten, damit ich wisse, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, meinen Mitmenschen helfe und ihnen Respekt erweise und dass ich bescheiden, selbständig und glücklich sei. Er hatte sich um meine materiellen Bedürfnisse gekümmert, damit ich ein Dach über dem Kopf, Kleidung und Nahrung hätte und brachte mir bei, was wirklich zählt. Sein Tod, auch wenn er zu erwarten war, hinterließ eine tiefe Leere in meinem Leben.
Leo hatte im Leben meiner Mutter und in meinem Leben einen natürlichen Platz, wie auch bei vielen seiner Freunde und Bekannten. Zum Beweis ihrer Anerkennung füllte sich der Friedhof mit einer großen Menschenmenge, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.
Am Donnerstagmorgen dem 3. Januar 1956, am Tag nachdem mein Vater beerdigt wurde, machte ich mich auf den Weg zur Synagoge, um über ihn das Kaddisch zu sprechen. Ein Nachbar, der mir auf dem Weg begegnete, hielt mich an und sagte: „Yehuda, Du brauchst das Kaddisch nicht zu sagen. Leo ist nicht Dein biologischer Vater.“ Diese Worte, welche mir ohne jegliche Vorbereitung in den leeren Raum geschleudert wurden, ließen mich an Ort und Stelle erstarren - Worte, welche die vertraute Realität meines Lebens ins Wanken brachten, Worte, welche Verwunderung und Fragen über meine Identität aufwarfen. Ich stand da und hatte das Gefühl, dass meine Welt über mir zusammenstürze. Millionen von Gedanken schossen mir durch den Kopf, bis mir im Bruchteil einer Sekunde in den Sinn kam und ich mich erinnerte, dass mich meine Tante, Rachel Landshut aus Kfar Yedidiah, all die Jahre stets "Lutz" nannte und ich in meiner Naivität überhaupt nicht verstand, dass ich damit gemeint war. Nachdem ich wieder zu Atem kam, verdrängte ich die Angelegenheit und setzte meinen Weg zur Synagoge fort, um über Leo Alexander, welchen ich noch Minuten zuvor für meinen biologischen Vater gehalten hatte, das Kaddisch zu sprechen.
Noch während der sieben Trauertage stieg ich ins Auto und fuhr allein nach Kfar Yedidiah, um bei meiner Tante die Unklarheit über den Namen abzuklären. Ich fragte sie: „Rachel, wer ist Lutz?“ Sie antwortete mir mit einer Frage: „Was, das weißt Du wirklich nicht?“ Als ich ihr versicherte, dass ich das nicht wisse, sagte sie mir ausdrücklich, was ich erst einen Tag zuvor erfahren hatte: „Lutz Schneider und Yehuda Alexander sind ein und das selbe Kind.“ Onkel Erich, Rachels Mann, setzte fort und erklärte mir die Umstände, wie ich zu dem Ehepaar Alexander gekommen sei und erzählte über die Schifffahrt von Königsburg nach Israel. Meine Ohren hörten seine Worte, doch hörte ich nicht wirklich zu. Meine Gedanken waren mit Alltagssorgen beschäftigt. Ich verdrängte die Fragen über meine Identität und befasste mich weiter nicht damit. Ich wandte mich niemals an meine Mutter, um sie zu fragen, woher ich komme und versuchte damals noch nicht nachzuforschen, wer meine biologischen Eltern waren und woher meine Wurzeln stammen. Das Einzige, was mir nicht zu unterdrücken gelang, war die Wut über meine Eltern, die mir die Wahrheit verborgen hielten und dass alle um mich herum gewusst hatten, dass ich adoptiert war, während ich all die Jahre unter einer falschen Identität lebte. Als Reaktion darauf und ohne bestimmte Absichten, distanzierte ich mich von meiner Mutter, der Frau, welche sich mein ganzes Leben lang um mich gekümmert, mich umarmt und geliebt hatte, der Frau, welche mir plötzlich fremd vorkam. Ich half ihr zwar weiterhin bei den Arbeiten im Betrieb und im Haushalt, doch wurde ich emotional zurückhaltender.
Ich war damals ein 22-jähriger junger Mann als ich die Trauer und den Schmerz über den Tod meines Vaters zu bewältigen hatte und gleichzeitig mit grundsätzlichen Existenzfragen, sowie mit Fragen über meine Herkunft und Vergangenheit konfrontiert wurde.  
 
Nach dem Tod meines Vaters war das Leben nicht mehr das selbe wie zuvor. Über den Schmerz und die Trauer hinaus, mussten wir pragmatisch sein und uns überlegen, wie wir ohne ihn den Lebensunterhalt bestreiten. Wir entschieden uns schweren Herzens die Hühnerzucht, das Lebensprojekt meiner Eltern aufzulösen, welche über viele Jahre hinweg die Haupteinnahmequelle der Familie darstellte. Wir hatten keine andere Wahl, denn auch meine Mutter war krank und obschon ich im Betrieb mitgeholfen hatte, war ich doch die meiste Zeit mit meiner Arbeit bei "Chof-Yam" beschäftigt. Die Tatsache, dass es meinen Eltern noch kurz vor dem Tod meines Vaters gelungen war, die Angelegenheit mit den Entschädigungsgeldern aus Deutschland zu regeln, erleichterte uns die Entscheidung, da dadurch zumindest die Lebenssituation meiner Mutter in finanzieller Hinsicht stabil und gesichert war.
Zu jener Zeit wohnte ich immer noch bei meiner Mutter an der Rav Kook Straße 63. Obwohl ich mich in Schweigen hüllte und mir auch nicht mit der kleinsten Andeutung anmerken ließ, dass mir meine wahre Identität offenbart wurde, war die Beziehung zwischen uns nicht mehr eng und herzlich wie früher.
 
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Während dieser Zeit war es auch in Israel nicht ruhig. Im selben Jahr (1956) erreichten uns Meldungen über eine große Konzentration ägyptischer Truppen in der Sinai-Halbinsel, sowie feindliche Aktivitäten entlang der israelischen Grenze. Israel stand vor einer militärischen Bedrohung. Unter den entstandenen Umständen begannen Gespräche zwischen den israelischen, britischen und französischen Delegierten hinsichtlich einer möglichen Zusammenarbeit.
Inzwischen begann die israelische Verteidigungsarmee mit ihren Vorbereitungen auf eine militärische Operation, wozu allerlei Geräte und Fahrzeuge vom Militär "rekrutiert" wurden. Unter den frisch eingezogenen "Rekruten" befand sich auch mein Traktor und ein neuer Chevrolet Lieferwagen des Kooperativunternehmens "Chof-Yam". Aufgrund der neuen Situation, brachte ich meinem damaligen Chef, Leibel Holzmann, einen kreativen Vorschlag vor: Anstatt das Fahrzeug rücksichtslos, samt dem Chauffeur zu entlassen, bot ich mich als freiwilliger Begleitchauffeur an. Ich dachte mir, dass mit dieser Lösung allen Parteien gedient wäre – das Fahrzeug würde ständig betreut und gewartet und ich könnte etwas Aufregendes erleben. Mein Angebot wurde freudig akzeptiert und so wurde ich zum ersten Mal in meinem Leben durch einen beschleunigten Prozess in die israelische Verteidigungsarmee eingezogen, indem ich, wenn auch nur vorübergehend, rekrutiert wurde. Ich wurde als Adjutant unweit von zu Hause, in Ramat Gan, stationiert und diente eine ganze Woche als Soldat der Heimatfront. Ich wurde einem Offizier als Chauffeur zugeteilt und während einpaar Tagen fuhren wir jeden Morgen nordwärts nach Zefat und am Nachmittag südwärts bis nach Beerscheba. Unsere Aufgabe bestand darin, den Telegrafen zu ersetzen, da befürchtet wurde, dass seine Frequenz aufgefangen werden könnte und so dienten wir als menschliche Brieftauben. Die tägliche Fahrt auf der gleichen Strecke kann ermüdend und langweilig sein, doch zum Glück war der Offizier Reiseleiter und wies mich jeden Tag über eine andere Route, welche gelegentlich auch an unserem Haus vorbei führte, um dort kurz vorbeizuschauen. Eine Woche später wurde ich umgeschult und in der Waffenabteilung stationiert. Eine kurze Mitteilung eines Kommandanten: „Du gehst in den Sinai“ machte mich innerhalb einer Nacht vom Chauffeur an der Heimatfront zum Soldaten an feindlicher Front.
Am 29. Oktober 1956 zogen israelische Streitkräfte in den Sinai und eröffneten damit die Offensive gegen Ägypten. Israel hatte mit der Operation zwei Ziele: den freien Schiffverkehr in der Seestraße von Tiran zu sichern und Ägypten schwer zu schlagen, um die anderen arabischen Länder abzuschrecken und in Zukunft davon abzuhalten, ihre Streitkräfte gegen Israel zu aktivieren.
Ich wurde drei Wissenschaftlern von Rafael angegliedert, Zivilisten mit Dienstgrad Oberstleutnant im Ruhestand und folgte mit ihnen zusammen den Kampftruppen in die Weite der Sinai-Halbinsel. Die Aufgabe der Wissenschaftler war es, zu untersuchen, wodurch die ägyptischen Panzer und Fahrzeuge beschädigt werden und einzuschätzen, ob und wie Munition gespart werden könne, um den selben Effekt auf andere Weise zu erzielen. Die Tätigkeit der Wissenschaftler war faszinierend und bereichernd.
Der erste Zielpunkt des Sinai-Feldzuges war "El-Arisch". Als wir den lokalen Flughafen erreichten, flogen irakische Flugzeuge über uns und die Soldaten, welche den Kontrollturm besetzten, gaben den irakischen Piloten Anweisungen, unverzüglich zu landen. Sobald sie auf dem Boden aufsetzten, wurden die Iraker in Gefangenschaft genommen und ihre MiG-Kampfflugzeuge zerlegt und nach Amerika zur Untersuchung geschickt.
Bei einer routinemäßigen Überprüfung der beschädigten ägyptischen Fahrzeuge, bemerkte ich einen modernen stillstehenden Tank. Wir gingen hinunter, um den Tank zu mustern. Nachdem ich die Luke öffnen wollte und vergeblich den Verschluss hochzuheben versuchte, rief ich um Hilfe. Mit vereinten Kräften gelang es uns, den Lukendeckel zu öffnen und entdeckten zu unserem Erstaunen drei verängstigte ägyptische Soldaten im Panzer sitzend. Beim Anblick der drei Soldaten, welche wie drei Jugendliche wirkten, befahlen wir ihnen hochzusteigen und ließen sie laufen.
Ein anderer Zwischenfall ereignete sich bei der Raketenrampe Sam 7, während die untere Hälfte der Rampe in einer Sanddüne eingegraben war und die obere Hälfte, einschließlich dem Radar freigelegt war. Auf der betonierten Plattform der Basis standen sieben Raketen abschussbereit. Als wir den Stützpunkt erreichten, fanden wir im Bunker fünf russische Techniker vor. Als Erstes nahmen wir sie gefangen, entsicherten die Raketen und informierten anschließend das Kommando, um Anweisungen zu erhalten, was wir mit ihnen anfangen sollen. Der Befehl lautete, sie sofort freizulassen, um eine diplomatische Auseinandersetzung mit den Russen zu vermeiden. Außerdem wurden wir gebeten, die Ausrüstung zu sabotieren, unter Berücksichtigung, den Radar zu verschonen. Wir befolgten die Anweisungen und entließen die Russen in die Wüste. Bis heute weiß ich nicht, was mit ihnen geschehen ist. Mit Eintreffen der Verstärkung wurde auch der Radar und die Raketen demontiert, um sie nach Amerika, unserer alten Verbündeten, zur Untersuchung zu schicken.
Den Sinai-Feldzug fortsetzend, erreichten wir den Suezkanal, wo wir unter schweren Beschuss gerieten und gezwungen waren, hinter einem baufälligen Gebäude Deckung zu suchen, bis die Gefahr vorbei war.
Am 5. November waren alle ägyptischen Truppen besiegt und die Eroberung der Sinai-Halbinsel vollbracht. Israelische Truppen besetzten die Umgebung, um den errungenen Sieg zu sichern. Israel hatte durch den Krieg bedeutende Errungenschaften erreicht: Die ägyptische Armee hatte eine schwere Niederlage erlitten und stellte für Israel keine Bedrohung mehr dar. Die Stützpunkte der Fedajin im Sinai und im Gazastreifen wurden zerstört und das feindliche Eindringen hörte beinahe gänzlich auf. Die Seestraße von Tiran wurde für den israelischen Schiffverkehr geöffnet und UNO-Truppen trennten zwischen Israel und Ägypten.
Während eines Monats legten wir im Sinai zehntausende von Kilometern zurück, was ich hier während eines ganzen Jahres nicht schaffe. Während dieses Monats erlebte ich Dutzende von Erlebnissen, sowohl beängstigende, aufregende, lehrreiche, als auch ergreifende und einmalige Ereignisse. Am Ende dieses Monats, nachdem Israel die Operation abgeschlossen hatte und die Truppen in die israelischen Grenzen zurückkehrten, kehrten auch wir unversehrt nach Hause zurück – ich und der Chevrolet.
 
In den selben Jahren spielt sich ungefähr am anderen Ende der Welt die Geschichte einer anderen Familie ab – die Geschichte der, in Südafrika lebenden Familie Kushner.
Adina, geborene Kushner, wurde am 21. Juli 1938 in einer Kleinstadt namens Seapoint in der Nähe von Kapstadt geboren. Im Folgenden erzählt sie selbst ein wenig über ihre Familie, ihre Herkunft und über sich selbst:
 
Ich bin die Tochter von Max und Gerti Kushner, die Älteste von drei Kindern. Ich wurde kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges geboren. Die Familie meines Vaters kam aus Litauen nach Südafrika. Mein Großvater mütterlicherseits hatte die Route von Russland nach Südafrika zurückgelegt und heiratete eine gebürtige Südafrikanerin, so dass ich von der einen Familienseite die dritte Generation und die zweite Generation der anderen Seite bin, welche dort geboren ist. Meine Eltern heirateten, gründeten eine Familie und um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, eröffneten sie einen Lebensmittelladen. Obwohl unser Judentum offensichtlich und bekannt war, beschränkte sich unsere jüdische Erziehung nur auf das Kerzenzünden an Schabbat und Feiertagen im familiären Rahmen, denn meine Eltern waren schwere Raucher und konnten es nicht aushalten, ohne je 80 Zigaretten pro Tag zu rauchen. Die meisten (ca. 80%) ihrer Kunden waren Christen, was sie dazu veranlasste, auch Schweinefleisch zu verkaufen und am Samstag halbtags zu arbeiten. Meine Eltern waren von mittelmäßigem bis niedrigem Stand, während die meisten Juden Freiberufler waren und zur oberen Klasse gehörten. Die Klassenunterschiede schwebten wie schwere Wolken in der Luft und verminderte für Kinder unseres Standes die Aussichten zu einer passenden Heiratsvermittlung. Als ich geboren wurde, war mein Vater etwas enttäuscht, da er einen erstgeborenen Sohn erhofft hatte. Mein erstes Lebensjahr, so wurde mir erzählt, sei ein schwieriges Jahr gewesen, da meine Mutter nicht genug Milch hatte, was vielleicht einfach daher kam, dass sie zu erschöpft war, nachdem sie fast den ganzen Tag im Laden gearbeitet hatte. Darüber hinaus führte meine Mutter auch die Buchhaltung des Geschäfts und strickte für die ganze Familie Socken und Pullover. Ich weinte viel als Baby, was meine Eltern schlaflose Nächte kostete und es ihnen mühsam war, morgens aufzustehen, um zur Arbeit zu gehen. In jenen unruhigen Nächten hielt mich mein Vater in seinen Armen und sang mir Lieder vor, um mich zu beruhigen. Mein Vater, der sich einen Sohn gewünscht hatte, behandelte mich dementsprechend und nahm mich, sobald ich etwas größer geworden war, an Fußballspiele, Ringkämpfe und zum Fischen mit (bis zum heutigen Tag mag ich diese Dinge, außer dem Fußballspiel). Ich wuchs als "Tomboy" auf und war ein rechter Wildfang, kletterte auf die Bäume und tat alles, was die Jungs taten, doch meine große Liebe galt seit eh und je Pferden und Katzen.
Im Jahr 1942, als der Zweite Weltkrieg im Gange war und ich als 4-jähriges Mädchen der Mittelpunkt des Lebens meiner Eltern war, musste ich nun mit der Geburt  meines Bruders, Alan (Abraham) die Bühne teilen und mein Vater, dem endlich ein Sohn geboren wurde, ließ mich ungeachtet auf der Seite.
Im Alter von sechseinhalb Jahren begann ich die Grundschule zu besuchen, da ich inmitten des Schuljahres geboren war. In der Schule lernte ich zwei Sprachen: Englisch und Afrikanisch (Burisch) und legte zweisprachige Prüfungen ab.
Als ich 12 Jahre alt war, wurde meine kleine Schwester, Lorraine, geboren, welche unter Asthma litt. Wieder wurden zuhause neue Prioritäten gesetzt. Da meine kleine Schwester chronisch krank war und die ganze Aufmerksamkeit auf sich zog, wurden mein Bruder und ich beiseite geschoben. Aufgrund der neuen Situation zuhause neigte ich, introvertiert zu werden und vertiefte mich in die Bücher, in welchen ich Zuflucht vor der Realität fand. Der einzige Trost, wo ich damals etwas Wärme und Zuneigung erhielt, war unsere Katze. Als sich jedoch herausstellte, dass meine Schwester allergisch gegen ihren Pelz war, sorgten meine Eltern dafür, die Katze los zu werden, worauf ich alleine auf der Welt blieb – zumindest fühlte ich mich so. Jeden freien Augenblick las ich Bücher oder beschäftigte mich im Garten und träumte davon, eines Tages ein eigenes Pferd zu besitzen. Samstags hatten wir jeweils schulfrei, was ich dazu ausnutzte, mit dem Autobus und dann per Eisenbahn zu einer Pferdefarm zu fahren, um für anderthalb Stunden zu reiten und dann wieder die gleiche Strecke zurückzufahren. Eines Tages wandte ich mich an meinen Vater und bat ihn, mir ein Pferd zu kaufen. Mein Vater wies mich mit dem Argument ab, dass sich das nicht lohne und unpraktisch sei.
Trotz seiner Ablehnung gab ich die Hoffnung nicht auf und begann jeden Pfennig zu sparen, um meinen Traum zu verwirklichen und ein Pferd zu kaufen. Ich nähte mir eine kleine Tasche, in welcher ich all das Fahrgeld aufsparte, welches mir meine Mutter jeweils für den Schulbus gegeben hatte und ging den ganzen Schulweg zu Fuß. Nachdem ich ein Jahr lang zu Fuß zur Schule gegangen war, gab ich die Hoffnung trotz der kleinen angesammelten Ersparnis auf, denn ich sah ein, dass ich nicht fähig sein werde, ein Pferd zu halten und jemanden dafür zu bezahlen, um das Pferd tagtäglich auszureiten, während ich dazu nur an Samstagen und Sonntagen Zeit hätte.
Im Alter von 13 Jahren kam ich von der Grundschule in die Mittelschule. Am ersten Schultag wandte sich eines der älteren Mädchen auf dem Schulhof an mich und fragte: „Wir halten ein Treffen der "HaBonim". Möchtest Du auch beitreten?“ Natürlich hatte ich keine Ahnung, was das ist, doch weil ich recht einsam war und keine Freundinnen hatte, fand ich dies eine gute Gelegenheit, neue Leute kennen zu lernen, stimmte zu und ging hin. Dieser Donnerstag blieb mir in unvergesslicher Erinnerung, als ein Tag, welcher mein Leben veränderte. Zum ersten Mal hörte ich, dass es für Juden verboten sei, Krabben zu essen – was wir jeweils regelmäßig am Abend aßen, wenn das Dienstmädchen frei hatte – und Fleisch und Milch zu vermischen. Ich erfuhr über das Land Israel, lernte hebräische Lieder und Volkstänze und allmählich wurde mir klar, dass mein Lebensziel war, nach Israel auszuwandern. Von diesem Augenblick an begann ich meinen Eltern zu drängeln und tat alles mögliche, um sie zu überreden, mir zu erlauben, ins Heilige Land zu gehen. Wie Wassertropfen auf einem Felsen, sickerten meine Bemühungen langsam, langsam durch und trafen nach drei Jahren der Überredung auf fruchtbaren Boden. Als ich 16 Jahre alt war und nachdem ich auf dem Kalender bereits über Tausend Tage bis zu meinem 21. Lebensjahr abgestrichen hatte, dem Alter, da ich befugt sein werde, selbständig einen Reisepass ausstellen zu lassen, willigte mein Vater endlich ein und füllte die notwendigen Formulare aus, um für mich einen Pass zu beantragen. Damit wurden meine Träume greifbarer als eh und je, den Boden des Landes Israel zu bearbeiten, seine Grenzen zu sichern und ein neues Leben zu beginnen.
Nachdem ich das Ziel ins Auge gefasst hatte und die Grundlagen gelegt hatte, begann ich daran zu arbeiten, das Ziel zu verwirklichen. 1954, im Alter von 16 Jahren, hatte ich weder den Willen, noch die Geduld, mich an der Universität zu immatrikulieren, da auch die Studienrichtungen für jüdische Mädchen in meinem Stand beschränkt waren. Ich besuchte einen Ausbildungskurs für Sekretärinnen, um so bald wie möglich Geld für die Reise verdienen zu können. Ich war eine der Ersten, die den Kurs beendete und als Sekretärin zu arbeiteten begann, nicht weil dies mein Berufsziel gewesen wäre, sondern um Geld für die Flugkarte nach Israel zu verdienen. Je mehr Zeit verstrich, desto eindeutiger wurde mir bewusst, dass ich in Südafrika nichts zu suchen hätte, dessen Apartheidregierung und Diskriminierung der Schwarzen ich nicht akzeptieren konnte und auch der Antisemitismus von Zeit zu Zeit an die Oberfläche trat. Ich wusste damals, dass Israel meine einzige Lösung aus der unerträglichen Realität in meinem Heimatland war.
Ich arbeitete, sparte einen Teil des verdienten Geldes und wollte den Rest meinen Eltern als Miete geben. Mein Vater weigerte sich und sagte: „Was redest Du da für einen Unsinn, Du bist unsere Tochter und dies ist Dein Zuhause!“ Ich beharrte darauf, aber jedes Mal, wenn ich ihm das Geld geben wollte, gab er es mir wieder zurück. Ich gab nicht auf und hatte eine kreative Idee. Ich schickte ihm das Geld per Post in den Laden, so dass das Geld nicht wieder an mich zurück kam. Einige Zeit später, nachdem ich mir genügend Geld für ein One-Way-Ticket von Südafrika nach Israel zusammengespart hatte, gab mir mein Vater Reiseschecks im Wert von hundert britischen Sterling, was damals es eine Menge Geld war. Als ich mich weigerte, dies anzunehmen, erklärte mir mein Vater die Herkunft des Geldes und sagte: „Du Dummkopf, dies ist das Geld, das Du uns jeden Monat per Post geschickt hast.“ Im Nachhinein stellte sich heraus, dass mein Vater kreativer war als ich.
Im Alter von 18 Jahren hatte ich endlich das ganze Geld zur Verfügung und kaufte die ersehnte Flugkarte. Reisebereit, mit der Flugkarte im Rucksack, blieben nur noch zwei Wochen bis zum schicksalhaften Tag. Meine Mutter war damals 45 Jahre alt und stand vor einer schweren Operation. Damals wusste ich noch nicht dass es sich um Krebs handelte. Als ich sie im Krankenhaus besuchte und sie in Tränen aufgelöst vorfand, fragte ich nach dem Grund, worauf sie mir sagte: „Heute ist der Monat in dem meine Mutter (meine Großmutter) gestorben ist und ich habe kein gutes Gefühl.“ Nach der Operation wurde uns erklärt, dass sich der Krebs bereits im ganzen Körper verbreitet hatte und dass nichts mehr zu machen sei. Sie kehrte nach Hause zurück und lag im Bett, um sich von der schweren Operation zu erholen und mein Vater lag neben ihr, da er unter einer Migräne litt. Zur selben Zeit erhielt Eisik (Yitzhak), der jüngere Bruder meines Vaters, der wie meine Eltern ein starker Raucher war, vom Arzt Urlaub verschrieben, da der Verdacht bestand, dass er sein Herz übermäßig belaste. Er litt unter Arterienverkalkung und außerdem belasteten ihn die Sorgen um sein Geschäft, welches ihm, seiner Frau und seinen zwei kleinen Kinder als Lebensgrundlage diente. Eisik, der jüngere Bruder meines Vaters und Sam, sein älterer Bruder, fuhren zusammen in einen Fischfang-Urlaub. Mein Vater hing sehr an Eisik und wunderte sich laut: „Warum ruft Eisik nicht an?“ Es vergingen nur wenige Augenblicke und das Telefon klingelte. Ich nahm den Hörer ab. Es war Sam, der älteste Bruder, der mit meinem Vater zu sprechen verlangte. Mein Vater ging zum Telefon und wir hörten ihn entsetzt rufen: „Was?“. Er schloss die Türe hinter sich zu. Meine Mutter richtete sich im Bett auf und fragte: „Was ist passiert? Was ist passiert?“ Mein Vater kehrte kreidebleich ins Zimmer zurück und sagte: „Ich habe eben meinen kleinen Bruder verloren.“ Eisik war siebenunddreißig Jahre alt als er in den Armen seines älteren Bruders an seiner Herzkrankheit erlag. Nach dem ersten Schock und ohne jemanden von meinem Vorhaben zu benachrichtigen, rief ich insgeheim dem Reisebüro an, um meinen Flug abzusagen. Obwohl ich während tausend Tagen (über drei Jahre) die Tage bis zum Reisetag abgestrichen hatte, war ich mir meiner Pflicht bewusst, meiner Familie zu schwerer Stunde beizustehen. Meine Mutter lag krank im Bett, mein Vater war über den Tod seines Bruders niedergeschmettert, meine kleine Schwester war asthmakrank und ich fühlte mich als die älteste Tochter verpflichtet, meine Familie in dieser schweren Situation zu unterstützen. Ich übernahm im Laden die Rolle der Eltern, nahm Bestellungen entgegen, diente den Kunden und bewältigte den Verkauf. Am Freitag, dem wöchentlichen Zahltag der Angestellten, kam mein Vater in den Laden, zahlte die Arbeitskräfte aus, entließ sie zum Wochenende, schloss die Tür ab und sagte: „Komm, wir müssen reden.“ Er setzte fort und fragte: „Was geschieht mit Deiner Reise?“ Als ich sagte, dass ich den Flug annulliert hätte, sagte er: „Das dachte ich mir und deshalb sprach ich mit Imma und bestellte Dir eine Flugkarte in zehn Tagen.“ Ich fühlte mich zwischen dem Wunsch zu fliegen und dem Verantwortungsgefühl gegenüber der Familie hin- und hergerissen, doch nach einem inneren Kampf kam ich zum Entschluss, meinen Traum endlich zu erfüllen und mit dem Segen meiner Eltern nach Israel zu fliegen. Ich war schon 18 Jahre alt und mein Vater bat nur das Eine, zu versprechen, dass ich nicht länger als ein Jahr fortbleibe. Ich versprach es.
 
Einpaar Monate zuvor, erschien ein fremdes Mädchen mit einem seltsamen Akzent in unserem Haus und erklärte den Grund ihres Kommens: „Mein Name ist Sarita. Ich bin in Israel geboren und habe dort einen Freund. Ich habe davon gehört, dass Du vor hast, zu reisen.“ Ich erwiderte: „Ja, in einpaar Monaten, wenn ich achtzehn werde, werde ich eine Party veranstalten (die allererste in meinem Leben) und anschließend werde ich fliegen.“ Sie fügte hinzu: „Ich korrespondiere mit ihm. Er ist Freiwilliger in der Armee und ich mache mir Sorgen um ihn. Er ist verletzt worden und ich möchte wissen, ob er mich noch liebt.“ Als sich der Flugtag näherte, bat sie ihren Brieffreund in einem Brief, mich am Flughafen zu treffen. Ich kannte damals die Prozedur nicht und wusste nicht, dass es üblich war, dass ein Vertreter der südafrikanischen zionistischen Föderation neue temporäre Einwohner empfängt und dem Besucher während seines Aufenthalts im Lande als Basis für den Erhalt von Post und Informationen diente. Ich war deshalb froh zu wissen, dass jemand auf mich warte und dachte mir, er würde mich in ein Hotel überweisen, wo ich die erste Nacht in Israel verbringen könnte.
Dann war es so weit und der große Tag war gekommen, an dem ich zum ersten Mal in meinem Leben Südafrika verließ und in ein Flugzeug stieg. Ich flog nach Johannesburg, wo ich eine Nacht bei einer Verwandten übernachtete, bevor ich den Flug mit Reiseziel Israel antrat. Dies war im Jahr 1957, als in Israel Kriegszustand und Spannung herrschte. Es war zur Zeit der Purim-Feiertage und an Bord ging es lustig zu und her. Die Stewardessen teilten kleine Weinfläschchen und Hamantaschen aus. Zum totalen Kontrast der fröhlichen Atmosphäre an Bord herrschte in Israel Notsituation. Draußen war es dunkel und das Essen wurde in Dosen serviert. Am Morgen kündigte die Stewardess an: „Wir fliegen jetzt über Eilat.“ Ich blickte hinunter und konnte zwei Lichter erkennen. Um ca. zwei oder drei Uhr morgens stieg ich aus dem Flugzeug und setzte meinen Fuß erstmals auf israelischen Boden. Der Augenblick, welchen ich fünf Jahre lang ersehnt hatte, war gekommen.
 
Die erste Begegnung – aus meiner Perspektive (Yehuda)
Im Jahr 1957 wohnten meine Mutter, einer meiner Cousins und ich in unserem alten Haus an der Rav Kook Straße 63. Im selben Jahr, nachdem ich mehrere Jahre im Kooperativunternehmen "Chof-Yam" gearbeitet hatte und in den Dünen am Strand von Herzliya Sand und Kies ausgehoben hatte, wurde der Bergbau verboten. Darauf hin begann ich in Yavne-West (in der Nähe des Kernkraftwerkes und des jüdischen Lagers) als Baggerführer zu arbeiten. Tagsüber arbeitete ich und abends und an Wochenenden vergnügte ich mich mit meinen engen Freunden. Seit meiner frühen Jugend fuhr ich jeweils in den Ferien nach Binyamina zu meiner Cousine, Aviva Fischer, zu Besuch. Diese Besuche zogen sich über Jahre hinweg. Als ich 14 war, lernte ich bei einem dieser Besuche das Nachbarsmädchen, Sarita Wolman, kennen. Später wanderte Sarita und ihre Familie nach Südafrika, dem Heimatland ihres Vaters aus, worauf ich mit ihr in engem Briefkontakt blieb. In einem ihrer Briefe schrieb mir Sarita, dass eine ihrer Freundinnen nach Israel kommen wolle und bat mich, sie am Flughafen abzuholen. Natürlich war ich gerne hilfsbereit und nahm am betreffenden Tag ich einen Jeep, holte Dovik, meinen alten Freund ab und fuhr mit ihm zusammen zum Flughafen. Ich wusste nichts über das junge Mädchen, welches in wenigen Minuten in meinem Jeep mitfahren sollte und schenkte der Angelegenheit auch keine besondere Bedeutung. Ich wurde gebeten, zu helfen – und so fuhr ich hin.
 
In Israel herrschte eine Phase der Fedajin und draußen war es stockfinster. Ich war mich an diese Situation gewohnt und dachte mir nichts dabei. Wir holten das Mädchen namens Adina ab, stiegen in den Jeep und fuhren zurück zur Rav-Kook Straße 63. Wie ein echter Gentleman, räumte ich für sie mein Zimmer und schlief in der Küche auf einem Klappbett, welches wie eine Handorgel mit vielen Rippen zusammenklappbar war. Bis heute, wenn ich mich an jene Nacht erinnere, schmerzt mir der Rücken.
Am folgenden Tag fuhr ich Adina zur südafrikanischen zionistischen Föderation in Tel-Aviv und anschließend zum Ulpan in Maayan Zvi, wo sich unsere Wege vorläufig trennten. Während dieser Periode hielt sich Adina die Woche über im Ulpan auf, um Hebräisch zu lernen und war über die Wochenenden bei uns zu Gast, lernte meine Mutter kennen und ging mit mir zu Unterhaltungen und auf Ausflüge in der Umgebung.
An einem dieser Samstage nahm ich sie auf meinem Fahrrad auf und fuhr mit ihr auf unserem Weg westwärts zum Meer. Auf dem Rückweg, Adina wieder auf dem Fahrrad aufsitzend, hielt uns ein Aufsichtsbeamte an und schrieb mir einen Strafzettel, mit der Begründung, dass das Aufnehmen einer weiteren Person auf dem Fahrrad gegen das Gesetz verstoße, was mir zum ersten Mal als ein Verbot klargestellt wurde. Der Beamte nahm mich mit auf die Polizeiwache und aufgrund meines Deliktes musste ich 25 Gruschim bezahlen. Damit nicht genug – erst als er die Luft aus dem Vorderrad ausgelassen hatte, ließ er mich unter Gewähr frei. Dies geschah 1958 und bis zum heutigen Tag warte ich auf die Gerichtsverhandlung.
 
Ich hatte damals eine Freundin in Herzliya – ein sehr nettes Mädchen – aber im Alter von 21 Jahren machte sie mir einen Heiratsantrag, worauf ich instinktiv erwiderte: „Bis hierhin und nicht weiter.“
 
Adina war ein ganz besonderes Mädchen – heute ist sie noch spezieller – und je mehr Tage verstrichen, desto stärker wurde unsere Beziehung.
Adina lernte im Ulpan Hebräisch, aber obwohl sie ihren Wortschatz sehr schnell erweiterte, verstand sie die Bedeutung der Worte nicht immer. Eines schönen Tages, an einem unserer regelmäßigen Ausflügen ans Meer, fragte ich sie: „Willst Du mich heiraten?“ Ohne zu zaudern antwortete sie: „Selbstverständlich.“ Erst hinterher, als sie der Bedeutung der Worte bewusst wurde, überlegte sie sich: „Was habe ich nur getan?“ Aber da war es schon zu spät.  
* 
Die erste Begegnung – aus Adinas Perspektive
Erschöpft nach einem langen Flug stand ich am Flughafen und wusste nicht, wohin ich gehen soll und wo genau ich diesen fremden Burschen treffen werde, der mich abholen sollte. Als ich noch dastand, wurde ich im Lautsprecher aufgerufen und gebeten, zur Information zu gehen. Ich ging hin und dort sah ich ihn zum ersten Mal – ein gut aussehender Bursche mit Stirnlocke, blauen Augen und stattlicher Figur, in Begleitung seines besten Freundes, Dovik. Ich ging mit ihnen mit und zum ersten Mal in meinem Leben fuhr ich in einem Jeep. Es war Frühling und warm draußen. Yehuda und Dovik hatten die Türen des Jeeps entfernt, um mehr Luft zu machen. Ich, die mit solchen Erlebnissen unerfahren war, hatte echte Angst, bei einer scharfen Bewegung des Jeeps herauszufallen, doch wenn ich mich an Yehuda festgehalten würde – überlegte ich mir – könnte dieser denken, ich möchte mich an ihn heranmachen. So versuchte ich, mich in der Mitte zu halten. Wie ich mich so festklammerte, bemerkte ich zwischen uns eine Pistole auf dem Boden des Jeeps. Voller Angst und Spannung saß ich da, nicht wissend, was noch auf mich zukommen wird. Plötzlich, ohne jede Vorbereitung, spürte ich auf meinem Nacken Wechselströme von Hitze und Kälte. Hinter mich blickend sah ich zu meiner Verwunderung ein Paar Augen und weiße Zähne in der Dunkelheit. Es war Dovik, der hinter mir saß und auf meinen Hals atmete. Wegen all diesen Begebenheiten und äußerlichen Umständen dachte ich mir: „Gott behüte – wo bin ich nur hingeraten? Da sitze ich in einem Jeep mit zwei fremden Kerlen und einer Pistole auf dem Boden. Es ist dunkel draußen und ich habe keine Ahnung, wohin wir fahren!“ Ich fragte Yehuda: „Fährst Du mich in ein Hotel?“ Als er antwortete: „Nein, zu mir nach Hause“, dachte ich erst recht, dass ich in Schwierigkeiten geraten sei. Yehuda, der anscheinend bemerkte, dass ich am Rande eines Zusammenbruchs war, fragte: „Hast Du Angst?“ Ich erwiderte kühl: „Nein, ich kann Judo.“ Ich sagte die Wahrheit. Ich war gegen den Strom gegangen und hatte als einziges Mädchen in der Klasse Judo gelernt, mit der Begründung, dass ich nach Israel gehe und fähig sein müsse, mich zu verteidigen.
Schließlich kamen wir an unserem Ziel an, dem Haus an der Rav Kook Straße 63. Ich schlief in Yehudas Bett und er schlief auf einem Klappbett in der Küche – das ist nicht so schlimm, wie er es beschreibt. Ich habe auch schon darauf geschlafen.
Am nächsten Morgen – über diese Tatsache sind wir uns beide einig – fuhr mich Yehuda nach Tel Aviv und von dort zum Kibbuz Maayan Zvi. Da ich samstags bei ihnen zu Besuch war, lernte ich Valy, seine Mutter kennen. Anfangs hatten wir es schwer, uns zu verständigen. Sie sprach Deutsch, Jiddisch, Französisch und Hebräisch, während meine Muttersprache Englisch war und ich nur ein wenig Französisch konnte. Wir verständigten uns mit den paar Wörtern, die Valy auf Englisch konnte oder umgekehrt mit dem Bisschen Französisch, das ich konnte – kurz, wir fanden einen Weg zu kommunizieren.
Außer der Mutter hatte ich auch die Ehre, mit seinem Cousin Bekanntschaft zu schließen, der damals ebenfalls bei ihnen gelebt hatte – ein kleingewachsener, behaarter Bursche, welcher wie eine Dampflokomotive rauchte, nach Zigaretten stank und dessen Gegenwart auch sonst nicht besonders angenehm war.
Außer Yehuda und seinen Hausgenossen, welche diejenigen waren, welche mir mit ihrer großzügigen und herzlichen Gastfreundschaft die Akklimatisierung in Israel erleichtert hatten, pflegte ich Kontakt mit früheren Beziehungen aus Südafrika, welche ich auch nach meiner Einwanderung in Israel noch aufrecht hielt. Es handelte sich nicht nur um Freundschaften, sondern um meinen Verlobten namens Schlomo. Bevor ich nach Israel kam, hatten wir geplant, zu heiraten. Ich hatte Schlomo an einem Abschiedstreffen zu Ehren einpaar unserer Leiter der "HaBonim" kennengelernt, bevor sie nach Israel auswanderten. Schlomo hatte eine Operation hinter sich, bei der ihm die Kniescheiben entfernt wurden. Bei einem Ausflug im Rahmen der Jugendbewegung  bemerkte ich ihn, an Krücken gehend und fühlte mich zu ihm hingezogen. Ein gemeinsamer Freund von uns ging auf Schlomo zu und sagte: „Es hat keinen Sinn, dass Du weiter gehst, denn wir haben noch einen rechten Aufstieg vor uns, den Du nicht schaffen wirst.“ Schlomo hörte zu und sagte an mich gewandt: „Ich bin bereit, nicht weiter zu gehen, unter einer Bedingung, dass ich Dich wieder sehe.“ Ich versprach ihm, dass wir uns wieder treffen werden.
Sholomo stammte aus einer armen Familie, welche wie wir ein Lebensmittelgeschäft führte und war Lokomotivführer von Beruf. Wie es sich zu jener Zeit geziemte, brachte ich den Jüngling nach Hause, um ihn meinen Eltern vorzustellen. Es stellte sich heraus, dass meine Eltern seine Familie kannten und wussten, dass es sich zwar um eine aufrichtige, aber - "um Himmels Willen" - arme Familie handelte. Schlomo träumte davon, nach Israel auszuwandern, um dort als Traktorist zu arbeiten. Wir fühlten uns mit unserer gemeinsamen Sehnsucht, nach Israel auszuwandern, miteinander verbunden und beschlossen nach geraumer Zeit zu heiraten. Meine Eltern, welchen es nicht passte, dass er Lokomotivführer war, fanden, ich hätte jemanden besseren verdient und waren gegen unser Vorhaben.
Gegen den Widerwillen der Eltern und ihren Ansichten zum Trotz, beschlossen Schlomo und ich, uns zu verloben. Schlomo hatte kein Geld, Verlobungsringe zu kaufen, so kaufte ich mit meinem verdienten Geld zwei Ringe mit eingravierten Initialen unserer Namen und kaufte ihm außerdem einen Geldbeutel auf welchem ebenfalls unsere Initialen eingraviert waren. Im Wissen, dass wir zueinander gehören, gingen unsere Wege vorübergehend auseinander. Schlomo wanderte vor mir, im Rahmen von Machal aus und vier Monate später kam auch ich nach Israel. Er wohnte in einem Kibbuz in Galiläa und ich in Maayan Zvi. Wir trafen uns abwechslungsweise bei ihm oder bei mir. Im Laufe der Zeit spürte ich mit meinem weiblichen Spürsinn, dass im Verborgenen Dinge geschehen und unsere Beziehung nicht mehr so war wie früher.
Einpaar Monate nach meiner Immigration und nachdem wir uns mehrmals regelmäßig getroffen hatten, kam Schlomo eines Tages schlecht gelaunt an. Er hatte sich gewünscht, im Dienst der Armee Chauffeur zu werden, erhielt jedoch aufgrund seines Knieleidens eine Absage. Er war deprimiert und verwirrt und überlegte sich, ob es vielleicht besser wäre, nach Südafrika zurückzukehren, wo er wenigstens, seiner verwitweten Mutter helfen könne.
Einpaar Tage später, als wir beide an einem Freitag am Meer waren, fiel mein Verlobungsring herunter, sank auf den Meeresgrund und war im Sand eingebettet. Schlomo tauchte und versuchte, den verlorenen Ring zu finden, aber vergeblich. Am folgenden Tag, am Samstag, erzählte mir Schlomo, dass ihm der Geldbeutel, den ich ihm als Verlobungsgeschenk gekauft hatte, gestohlen wurde. Der erste Gedanke, der mir durch den Kopf ging war, dass dies ein schlechtes Zeichen sei, denn bekanntlich kommt ein Unglück immer zu Dritt: Der Ring ging verloren, der Geldbeutel wurde gestohlen und als Nächstes wird die unvermeidliche Trennung folgen.
Inzwischen absolvierte ich meine Ausbildung im Ulpan und begann in Tel Aviv zu arbeiten. Ich hatte ja meinem Vater noch bevor ich nach Israel kam versprochen, im Laufe eines Jahres zurückzukommen, weshalb ich jetzt hart arbeitete, um mein Versprechen einhalten zu können.
Schlomo suchte mich an meinen Arbeitsplatz auf und gegen seine Gewohnheit gab er mir keinen Kuss und rief mich nicht mit meinem Kosenamen. Ich verstand nicht, was los war, doch da ich mir bereits eingeredet hatte, dass ein Unglück stets zu Dritt komme, dachte ich mir, dass er nicht mehr an mir interessiert sei. Ich nutzte die Arbeitspause aus, mit ihm zusammen zum Hotel zu gehen, wo alle Machal-Leute untergebracht waren. Wir saßen beieinander und unterhielten uns. Nach einer gewissen Zeit musste ich wieder zur Arbeit zurück. Ich verabschiedete mich von Schlomo und seinen Freunden und seither hatte ich ihn nie wieder gesehen.
Verwirrt und bekümmert ging ich zur Arbeit zurück und siehe, da wartete ein Brief von meinem Vater auf mich. Je mehr ich las desto erstaunter war ich. Zunächst berichtete mir mein Vater, dass er und meine Mutter trotz ihrer Krankheit eine Reise ins Ausland planen und da ich in Israel sei, dachten sie, mich besuchen zu kommen. Ich konnte das noch kaum fassen, als mich meine Mutter mit einer weiteren Mitteilung im Brief überraschte. Sie schrieb sie hätte von Yehudi (so nannte sie Yehuda) einen Brief erhalten und dass er ihr einen ganz guten Eindruck mache. Nicht nur das – sie fügte hinzu, dass sie sehr glücklich wäre, wenn wir während ihres Aufenthalts in Israel heiraten würden. Man kann sich vorstellen, dass ich völlig verblüfft war. Meine Eltern, welche nicht damit einverstanden waren, dass ich einen Burschen heirate, der ihnen vorgestellt wurde und aus einer guten Familie stammte, wollten nun, dass ich einen Mann heirate, den sie noch nie gesehen hatten und weder über ihn noch über seine Familie Bescheid wussten – die Hauptsache, ich heirate und dass der  Bräutigam nicht Schlomo sei?
Ich war völlig aufgeregt und bat meinen Chef, eine kurze Pause einzulegen. Dieser bemerkte, dass ich einen Brief in der Hand hielt und am ganzen Körper zitterte und erlaubte mir hinauszugehen. Ich ging durch die Straßen von Tel-Aviv, während mir unzählige Gedanken durch den Kopf gingen. Nach einer halben Stunde las ich den Brief erneut und dachte mir: „Wisst Ihr was? Wie dem auch sei, ich werde ihn heiraten. Ich weiß, dass Yehuda keinen speziellen Beruf hat, aber ich kenne ihn, seine Mutter, seinen Cousin und sein Zuhause – eine gute Familie – was kann schon sein.“ Meine Überlegungen begannen sich zu festigen und so kehrte ich zur Arbeit zurück. Als ich an jenem Wochenende wie gewohnt zur Rav Kook Straße 63 in Herzliya ankam, setzte ich mich mit Yehuda im Zimmer hin, um mit ihm zu sprechen. Es war Yehuda, der das Gespräch eröffnete und sagte: „Ich erhielt einen Brief von Deinen Eltern.“ Ich sagte ihm, dass auch ich einen Brief erhalten hätte. Er fuhr fort und fragte mich ganz direkt: „Willst Du mich heiraten?“ Es rutschte mir spontan heraus: „Sicher.“ Erst hinterher dachte ich mir: „Oi, was habe ich nur getan?“
Ich war vor der Heirat neunzehneinhalben Jahre alt.
 
Meine Mutter war glücklich über die Nachricht, dass wir heiraten wollten. Sie kannte Adina bereits mehrere Monate und behandelte sie wie eine Tochter. Adina lernte bald, deutsch zu sprechen und machte einen sehr guten Eindruck auf sie.
Wir beschlossen, die Hochzeitsfeier in Südafrika zu veranstalten. Noch bevor ich Adina kennen lernte, hatte ich mit einem guten Freund geplant, nach Südafrika zu reisen und die Welt anzuschauen. Aus administrativen Gründen ist nichts daraus geworden, da ich kein Visum bekam. Ich wandte mich an einen Verwandten, welcher Vorsitzender der südafrikanischen zionistischen Föderation in Tel-Aviv war und bat ihn um Hilfe. Er versprach mir, einen israelischen Pass als Delegierter im Namen der Föderation zu besorgen. Die Zeit verstrich und als es ihm endlich gelungen war, einen solchen Pass zu arrangieren, erhielt ich inzwischen auch schon das ersehnte Visum. Aber als ich alle nötigen Reisepapiere bereit hatte, erhielt mein Freund, mit dem ich reisen wollte, kein Visum nach Südafrika, sondern nur für das benachbarte Rhodesien. So flog mein Freund nach Rhodesien, wo ihn eine Bekannte aus Südafrika auf dem Flughafen abholte, ihn im Kofferraum ihres Fahrzeugs versteckte und ihn über die Grenze schmuggelte. Das Fräulein, mit welchem er lange zuvor korrespondiert hatte, wurde seine Frau.
In der Zwischenzeit begannen Adina und ich in Israel mit unseren Reisevorbereitungen. Ich hatte vor, die Flugkarte mit meinem Geld zu kaufen, doch überraschte mich meine Mutter, indem sie mir die ganze Summe gab, was damals ein großer Betrag war. Zuerst weigerte ich mich, das Geld anzunehmen und sagte ihr: „Gib mir kein Geld, ich habe genug Selbsterspartes.“ Darauf erwiderte meine Mutter und erklärte mir die Herkunft des Geldes: „Yehuda, erinnerst Du Dich, dass Du uns jeden Monat fünfzig Lirot gegeben hast? Dieses Geld haben wir für Dich aufbewahrt und jetzt sollst Du es haben, um die Flugkarten zu kaufen.“ Als mir die Herkunft des Geldes bekannt wurde, bedankte ich mich bei meiner Mutter und ging, die Flugkarten zu kaufen.
An unserem Reisetag im Februar 1958 flogen Adina und ich nach Johannesburg und jener Freund, welcher in der Zwischenzeit geheiratet hatte, holte uns am Flughafen ab und brachte uns zum "Softrock Hotel", welches den Eltern seiner Frau gehörte.
An einem Abend nahm uns der Freund auf einen nächtlichen Segelausflug in die Lagune mit. Wir kauften drei große Ananasfrüchte – dies war immer mein Traum, frische Ananas zu essen und nicht solche aus der Dose. Wir schälten die Früchte, schnitten sie in Stücke und verzehrten sie genüsslich. Bis zum heutigen Tag läuft mir das Wasser im Mund zusammen, wenn ich an jene Nacht mit den fleischigen Ananasfrüchten zurückdenke.
Wir verbrachten drei Nächte im Hotel in Johannesburg und flogen anschließend nach Kapstadt, um endlich Adinas Eltern und die anderen Familienangehörigen zu treffen. Ich kann mich noch an jede Einzelheit dieser ersten Begegnung mit der Familie Kushner erinnern, als wäre es gestern gewesen. Wir kamen um ca. vier Uhr nachmittags an. Zu unserem Empfang wurde ein Gänsebraten und Rindfleisch zubereitet und mit Pommes Frites und Suppe auf dem gedeckten Tisch serviert. Wir setzten uns zu Tisch und während der Mahlzeit bemerkte ich, dass Marsa, das Dienstmädchen – eine dicke Negerin mit goldenem Herzen – "Toni" rief. Toni, das mysteriöse Familienmitglied, war niemand anders als der Dobermann. Aus meinem Blickwinkel konnte ich erkennen, dass sie Toni einen drei Kilo schweren Fleichbrocken zu fressen gab. Ich konnte meinen Augen nicht glauben. Für einen Moment dachte ich, es sei besser, ein Hund zu sein, trat an Marsa heran und sagte halb ernsthaft, halb scherzend: „Ich bin Toni.“ Ich konnte nicht anders, als die Situation mit dem Lebensniveau in Israel zu vergleichen. Fleisch war ein seltenes und teueres Nahrungsmittel für uns und nicht zu vergessen, dass während der Jahre der Sparpolitik Fleisch nur mittels Lebensmittelcoupons erhältlich war, während hier, in Südafrika ein Hund eine Portion Fleisch erhielt, welche in Israel eine ganze Familie während eines Monats hätte ernähren können. Nach beendetem Abendessen wandte ich mich gesättigt und zufrieden an Max, Adinas Vater und sagte ihm: „Mister Kushner, machen Sie sich keine Mühe, Sie brauchen für mich keine speziellen Mahlzeiten zuzubereiten.“ Max, antwortete auf Jiddisch: „Geh schlufen, do esst menisch (hier wird nicht gegessen, sondern geschlemmt).“ Dies war mein erster Eindruck des feudalen Lebens in Südafrika.
Ich genoss die herrlichen Landschaften, die üppigen Mahlzeiten und die Gesellschaft der faszinierenden Leute, doch über allem stand der Zweck unserer Reise - die Hochzeit. Meine Mutter war bereits zu krank, um mitzureisen und für meinen Freund war die Entfernung zu groß, um an jenem ergreifenden Tag teilnehmen zu können. Dafür waren aber Adinas Eltern, ihre Geschwister, Verwandten und Freunde der Familie anwesend und verliehen mir das Gefühl ihrer Anerkennung und Zuneigung. Meinerseits waren ebenfalls Verwandte anwesend – ich weiß nur nicht, ob sie zur Familie Alexander oder Familie Schneider gehörten – unter anderem das Ehepaar Planter,welches sich gerne als Bräutigamführer bereit erklärten.
Bei meinem Aufenthalt bei der Familie Planter fiel mir eine Postkarte in die Hände, welche Leo, mein Adoptivvater, noch lange vor seinem Tod geschrieben hatte und auf welcher er darum bat, mir meine wahre Identität nicht zu verraten. Seit dem Tod meines Vaters waren zwei Jahre verstrichen, es waren zwei Jahre her, da ich schockiert auf dem Gehsteig stand, zwei Jahre nachdem ich zum ersten Mal hörte, dass ich unter einer falschen Identität lebte. Während dieser zwei Jahre lebte ich meinen Alltag weiter, als wäre nichts geschehen und jetzt, da ich vor dem ergreifendsten Augenblick meines Lebens stand, wurde ich erneut mit dieser Angelegenheit konfrontiert. Zum ersten Mal las ich die Worte schwarz auf weiß, dass ich nicht der leibliche Sohn von Leo und Valy war. Die erneut an die Oberfläche tretende Frage nach meiner wahren Identität verursachte nur eine vorübergehende Verwirrung gegenüber der Tatsache, dass ich in wenigen Minuten Bräutigam würde.
Am 2. März 1958 begleitete mich die Familie Planter zur Synagoge in Seapoint und führte mich zur Chuppa. Vor dem örtlichen Rabbiner und in Anwesenheit Adinas Familie, Verwandten und Bekannten sprachen wir das Traugelübde und wurden nach jüdischem Gesetz zu Mann und Frau. Nach der Trauzeremonie setzten wir die Hochzeitsfeier mit vielen Gästen im Weizmann-Saal fort. Max, Adinas Vater, hatte in Rücksichtsnahme auf unsere baldige Rückkehr nach Israel allen eingeladenen Geschäftspartnern mitgeteilt, uns anstelle von Geschenken, Geld zu schenken. Nachdem wir bis spät in die Nacht hinein gefeiert hatten, die Lichter gelöscht wurden und die Feier vorüber war, konnten wir gleich am folgenden Tag die Fülle und den Wohlstand genießen, den Südafrika anzubieten hatte und unsere Flitterwochen beginnen.
Max, kaufte uns ein Auto, einen "Morris Minor" – natürlich mit Steuer auf der rechten Seite – mit welchem wir zum Tafelberg und nach Oudtshoorn fuhren, der Region mit den beeindruckenden Farmen, wo wir bei Adinas Cousine, der Besitzerin einer Straußenfarm, übernachteten. Wir erlebten dort erstaunliche Dinge, erblickten unendliche Weiten und die Wunder der Natur, doch konnten wir die Auswirkungen der Apartheidregierung und die Haltung der Weißen gegenüber den Schwarzen nicht ungeachtet lassen. Bereits bei unserer Landung im Flughafen hatte mich ein Beamte davor gewarnt, dass es mir verboten sei, einem Schwarzen die Hand zu schütteln und mit ihm zu reden und unterwies mich in weiteren rassistischen Verordnungen, welche mir zu einem Ohr hinein und zum andern wieder heraus gingen. Doch während unseres Aufenthalts stellte ich fest, dass dies keine leeren Sprüche waren und die Weißen in Südafrika eine strenge Rassentrennung einhielten.
Bei einem unserer Ausflüge war ich Augenzeuge eines Verkehrsunfalls, bei dem ein Schwarzer angefahren wurde. Instinktiv lief ich hin, um ihm Hilfe zu leisten, doch die weißen, beiseite stehenden Zuschauer packten mich am Arm und sagten: „Do not touch, he is a Nigger.“ Ich war aufgebracht vor Zorn und wandte mich wütend an einen örtlichen Polizisten. Der Polizist schrie mich afrikanisch an, was ich natürlich nicht verstand, worauf ich ihm in Hebräisch zurückgab, was er nicht verstehen konnte. Als ich einsah, dass es aussichtslos war, die düstere Realität zu ändern, gab ich auf.
Ein weiterer Vorfall ereignete sich während unseres Aufenthaltes bei Adinas Verwandten in Johannesburg. Wir wollten uns im Autokino einen Film anschauen gehen – ich bin ein ausgesprochener Kino-Fan. Die Hausbesitzerin sagte uns: „Ich werde warten, bis Ihr zurück seid, um die Tür abzuschließen.“ Ich blickte auf die Tür, an welcher nicht weniger als sieben Schlösser angebracht waren. Wir entschieden uns, auf den Film zu verzichten.
Die Situation in Südafrika war katastrophal, so dass wir unter keinen Umständen dort bleiben wollten, obschon uns Adinas Eltern anboten, uns eine Farm zu kaufen. Sie waren über unseren Entschluss enttäuscht, insbesondere aufgrund der Tatsache, dass Adinas Mutter infolge ihrer Krebskrankheit nicht mehr lange zu leben hatte – wir wurden damals über die Ernsthaftigkeit ihres Gesundheitszustandes nicht informiert. Sie verstanden, dass wir unter der herrschenden aktuellen Situation keinesfalls bleiben wollten und gaben uns ihren Segen.
Wir verließen Südafrika, um als frisch verheiratetes Paar nach England und Frankreich zu reisen. Nach einer fünfmonatigen Hochzeitsreise kehrten wir nachhause zurück, in das Haus an der Raav Kook Straße 63 in Herzliya, Israel.
 
Max, Adinas Vater, sorgte dafür, dass wir nicht mit leeren Händen nach Israel zurückkehrten und kaufte uns einen roten Ferguson-Traktor 35, der die Grundlage und Ausgangspunkt meiner und Adinas gemeinsamer Karriere in der Landwirtschaft darstellte. Nachdem wir zusätzlich noch weitere Werkzeuge dazugekauft hatten, pflanzten wir auf dem Grundstück meiner Eltern, wo erst vor kurzem noch die Hühnerställe gestanden hatten, eine zwei Hektare große Bananenplantage an. Ich markierte auf dem Feld die Stellen, wo Adina die Löcher für die Setzlinge auszuheben hatte. Adina nahm es nie so genau und achtete nicht darauf, die Löcher in einer geraden Reihe  zu graben, was mich immer etwas ärgerte.
Außer den Bananen hatte ich mit einem Freund ein gemeinsames Grundstück, wo wir Gemüse anbauten und im Hof Hühner hielten. Wir kauften einen grünen Tender der Marke Sussita. Als ich eines Tages mit dem Tender nachhause kam, war die Einfahrt von einem schwarzen Coronado blockiert, in welchem ich niemanden anders als den damaligen Polizeichef, Amos Ben Gurion, erblickte. Ich wandte mich an ihn, um mich zu erkundigen, was los sei. Es stellte sich heraus, dass der Motor nicht ansprang. Der Polizeichef hätte nach Kfar Shemariahu fahren müssen. Ich bot ihm meine grüne Sussita als Ersatzwagen an. Der Polizeichef nahm mein Angebot freudig an und schon wenige Stunden später brachte einer seiner Untergebenen den Tender zurück und überreichte uns eine Bonbonniere als Zeichen der Anerkennung des Polizeichefs.
Kurz nach unserer Rückkehr nach Israel, verließen wir das Haus an der Rav Kook Straße 63, wo ich aufwuchs und großgezogen wurde und zogen in das benachbarte Wohnquartier Sarah um, in ein bescheidenes Haus mit zweieinhalb Zimmern. Meine Mutter, welche allein im Haus geblieben war, machte den großzügigen Vorschlag, in ein Altersheim umzuziehen, damit wir das Haus übernehmen könnten, doch trotz des verlockenden Angebots, lehnten wir ab.
Ich war zwar wie die meisten meiner Freunde ein verheirateter Mann (Joshua heiratete Margelit, Dovik heiratete Miriam), doch bewahrte ich meinen jugendlichen Übermut und ließ mich nicht davon abhalten, Unfug zu treiben. Als wir uns Gartenmöbel beschaffen wollten, suchten wir Rat und überlegten uns, was wir machen sollten, denn bekanntlich sollte man sich das Ende jeder Tat vorher überlegen. So stiegen Shuki und ich in die Sussita, fuhren zum Lidor Hotel und "liehen" uns acht Aluminiumstühle und zwei Tische aus, luden sie auf den Tender und kehrten mit der Ware zurück. Unsere Suche war damit noch nicht zu Ende, sondern wir zogen eine weitere Runde, diesmal zum Hotel Acadia, welches noch im Bau war und luden in aller Gelassenheit vier große Blumentöpfe aus Asbest auf – meine beiden sind bis heute noch in Benutzung. Jedes nützliche, unbeaufsichtigte Objekt war in Gefahr. Vor unserem Haus gedieh Rasen, der geschnitten werden musste –  das musste sein – aber warum einen Rasenmäher kaufen, wenn man ihn kostenlos bekommen kann? In Nof-Yam hatte ich einen, auf einer Veranda stehenden Rasenmäher bemerkt, den ich begehrte. Ich trat auf die Veranda, hob den Rasenmäher hoch und lud ihn auf den Tender.
Jeden Freitag Abend hatten wir eine besondere Vereinbarung mit Ben Zion Danilov, welche darin bestand, dass wir seinen Jeep erhielten und ihm als Gegenleistung einen vollen Kanister mit Benzin brachten. Natürlich kauften wir den Treibstoff nicht, sondern entwickelten unsere eigenen Methoden, kostenlos Benzin zu beschaffen. Eines Abends stand ich mit dem Jeep vor dem Anschlagbrett am Eingang des Kibbuzes Glil-Yam. Ich trat an einen Autobus der IMI heran, steckte einen Schlauch in den Tank und begann Benzin herauszupumpen. An routinemäßigen Abenden hatte ich den Kanister in zwei Minuten gefüllt, doch an jenem Abend hielt ein Polizeiwagen neben uns an. Ich befürchtete, dass der Benzingeruch unsere Tat verraten würde und gab Shuki in unserer Geheimsprache zu verstehen, er solle den Schlauch herausziehen. Letzten Endes bemerkten die Polizisten nicht, was sich unter ihrer Nase ereignete und fuhren weiter. Wieder kamen wir glimpflich davon. Wenn ich schon meine vergangenen Übeltaten bekenne, möchte ich an dieser Stelle verraten, dass ich und mein Freund den Wagen von Aaron Forcelina ausgeliehen hatten, jedoch ist zu bemerken, dass er das Privileg hatte, dass wir den Wagen nach jeder Benutzung stets an Ort und Stelle zurück parkiert hatten.
Dies sind nur einpaar unserer Geschichten und Erlebnisse jener Jahre und weisen auf den Charakter unserer Freundschaft hin.
 
Einpaar Monate nachdem wir von unserer Hochzeitsreise zurückgekehrt waren und uns von Adinas Eltern verabschiedet hatten, kamen sie ins Heilige Land, um ihre älteste Tochter und ihren Schwiegersohn zu besuchen und um zu sehen, wie und wo sie lebten. Bei dieser Gelegenheit lernten sie auch meine Mutter kennen, welche noch in ihren besten Jahren war. Während ihres Besuches fragte ich Max: „Warum immigrierst Du nicht und lässt Dich in Israel nieder – Du könntest bereits in den Ruhestand treten und hast genügend Geld – was hält Dich davon ab?“ Max erwiderte  nur: „Ein Jude kann mit Juden keine Geschäfte abwickeln.“
 
*
Während ich mich aus jener Zeit vor allem an die aufregenden Erlebnisse und meine Streiche erinnere, erinnert sich Adina an die wirklich wichtigen Momente im Leben.
 
Adina: „Mein Vater beschloss, meine sterbende Mutter auf einen Besuch nach Israel mitzunehmen. Ich war damals zum ersten Mal schwanger. Ich erinnere mich, dass meine Mutter meine Hand fasste und mir auf der Treppe eine Stufe herunter half. Als ich ihr entgegnete, dass eine Schwangerschaft keine Krankheit sei, beharrte sie und sagte, ich solle vorsichtig sein. Die Schwangerschaft endete mit einer Embryoresorption. Meine Eltern flogen nach Südafrika zurück und wenig später wurde ich erneut schwanger. Yehuda hatte mir, zumindest bis dahin,  nie gesagt, wer er wirklich sei und dass er die überraschende Entdeckung gemacht hatte, dass er unter einer falschen Identität lebt. Obwohl er nichts sagte, spürte ich es. Mir war aufgefallen, wie seine Mutter ihn anschaute – nicht wie eine Mutter ihren Sohn anschaut, sondern wie eine Katze oder ein Hund den geliebten Eigentümer anblickt und die Liebe aus den Augen strömt. Ich fühlte, dass zwischen ihnen eine eigenartige Beziehung bestand, nicht eine Mutter-Kind-Beziehung. Während der Schwangerschaft, als ich niemanden hatte, an den ich mich wenden konnte, wandte ich mich an Valy und befragte sie über die Geburt. Mein Deutsch war schon genügend gut, um zu fragen: „Valy, wie ist das bei der Geburt?“ Valy antwortete lakonisch: „Ich erinnere mich nicht mehr an meine Geburt.“ Dies kam mir merkwürdig vor, hatte sie mir doch früher erzählt, dass sie und ihr verstorbener Ehemann direkte Cousins waren und sie keine Schwangerschaft länger als fünf Monate halten konnte und da gelang es ihr endlich, ein Baby zu gebären und sie konnte sich nicht mehr an die Geburt erinnern? Ihre Antwort rührten in meinem Herzen viele Fragen auf.
Einige Zeit später, als ich immer noch schwanger war, ging ich in den Schuppen, um etwas zu suchen und fand eine Schachtel mit einpaar Sachen drin, unter anderem einem Kinderlätzchen, einem gestreiften Hemdchen mit einem Zettel mit der Aufschrift des Datums 1938: "Diese Dinge hat Lutzi von seinen Eltern mitgebracht". Ich tat so, als hätte ich das nicht verstanden und ging mit dem Inhalt des Pakets zu Valy und sagte ihr: „Imma“ – so nannte ich sie – „dies könnte doch Eli passen.“ Ich hatte das sichere Gefühl, es werde ein Sohn und nannte ihn noch in der Gebärmutter "Eli". Valy bat mich, die Sachen in die Schachtel zurückzulegen. In diesem Moment wusste ich, dass meine Gefühle mich nicht täuschten und Yehuda nicht der leibliche Sohn von Leo und Valy war.
Am 28. Juni 1959, wie ich es mir dachte, wurde unser erstgeborene Sohn geboren und wie geplant, nannten wir ihn "Eli". Die Aufregung war riesengroß, es gab schlaflose Nächte, wir machten unsere ersten Erfahrungen als Eltern und waren über jedes Lächeln begeistert und überglücklich. Aber über all der Freude bedauerte ich, dass meine Eltern nicht an meiner Seite waren und ihren ersten Enkel bewundern konnten. Der Kontakt mit ihnen bestand zu jener Zeit einzig und allein über den Briefwechsel. Ich schickte meiner Mutter ein Passfoto von Eli. Meine Mutter schrieb mir, nachdem sie das Bild gesehen hatte: "Er sieht sehr wütend aus." Er war erst drei Monate alt und leider war dies das Einzige, was sie von ihm zu sehen bekam. Ich befürchtete, dass sie ihn verwöhnen würde und dass ich hinterher damit nicht zurecht kommen würde, doch schrieb sie in ihrem Brief: "Ich möchte ihn nur in meinen Armen halten." Sie kam nicht mehr dazu. Ich hatte zwar gehofft sie würde auf einen weiteren Besuch kommen, doch war sie in Behandlung und der Arzt erlaubte ihr nicht, zu reisen. Als meine Mutter realisierte, dass sie nicht mehr fähig war zu kommen, bat sie mich, mit Eli auf Besuch zu kommen. Trotz meiner Bedenken, allein mit einem Baby zu fliegen, kam ich zu dem Entschluss, dass dies das Richtige war, worauf mir mein Vater die Flugkarten besorgte.
Weniger als 24 Stunden vor meiner Abreise erhielt ich von meinem Vater ein Telegramm. Ich dachte mir, das hätte etwas mit den Flugkarten zu tun, doch als ich es öffnete und die Mitteilung las, war ich vor den Kopf geschlagen: "Imma ist gestorben, entscheide Dich, ob Du bleiben oder kommen willst." Während ich noch sehnsüchtig darauf gewartet hatte, meine Mutter zu sehen, um ihr stolz den kleinen Eli vorzustellen, erreichte mich dieses Telegramm mit den knappen Worten, welche mich über den Tod meiner Mutter informierten. Ich beschloss, dennoch zu fliegen, um in schweren Stunden bei meiner Familie zu sein und mit ihnen meinen Schmerz zu teilen. Ich weinte während des ganzen Fluges und als wir endlich im Flughafen von Kapstadt landeten, wartete mein Vater, mein Bruder und meine jüngere Schwester auf mich. Das traurige Gesicht meines Vaters verwunderte mich nicht, hatte er doch erst eben seine geliebte Frau verloren, doch erfuhr ich, dass er am selben Tag drei Hiobsbotschaften erhalten hatte. Um sechs Uhr abends starb sein Geschäftspartner, um zehn Uhr sein jüngerer Bruder und um drei Uhr morgens starb meine Mutter. Innerhalb von zwölf Stunden hatte er drei, ihm nahe stehende Personen verloren. Mein Besuch in meinem Heimatland und in meinem Elternhaus, welches jetzt mein Vaterhaus blieb, zog sich auf vier Monate hinaus. Eli hatte hier ein Kindermädchen und ich, die nicht mit verschränkten Armen herumsitzen kann, begann zu arbeiten.
Im September 1959 kehrte ich nach Israel und zu Yehuda zurück.“
 
Mit Adinas Reise mit dem Baby, unserem erstgeborenen Sohn, Eli, kehrte ich wieder zu meinem Junggesellenleben zurück, indem ich in meiner Freizeit ein leichtsinniger Jüngling war, nachdem ich fast den ganzen Tag hart gearbeitet hatte, um unseren Lebensunterhalt zu bestreiten. Adina und ich hatten eine neue Kernfamilie gegründet. Natürlicherweise lag es in den ersten Jahren hauptsächlich an mir, für das Einkommen zu sorgen. Abgesehen von den Feldern, die ich bebaute und die mir gehörten, arbeitete ich auch als Auftragnehmer, indem ich mit dem Traktor die Felder von Landwirten bearbeitete. Ich arbeitete mehrere Jahre in West-Yavne (neben dem Atomkraftwerk und dem jüdischen Lager) und in den Kiesgruben im Hafen von Ashdod. Ich erhielt einen neuen Traktor, Modell 950 mit einem Schaufel-Fassungsvermögen von vier Kubikmetern. Dies war zu der Zeit, als der Hafen von Ashdod noch im Bau war und die Eisenbahnlinie zum Hafen gelegt wurde. Ich lud jeden Tag 6000 Tonnen Kies auf – eine Riesenmenge, jedoch für einen erfahrenen Traktoristen wie mich, konnte ein solches Quantum mit Leichtigkeit bewältigt werden. Die Kiesgrube befand sich in der Luftlinie gegenüber der Übungszone der Luftwaffe. Eines Tages gewahrte ich, auf dem "terroristischen" Traktor sitzend, Flugzeuge im Tiefflug und schon spürte ich einen gewaltigen Schlag. Der Traktor, welcher zu normalen Zeiten stabil wie ein Felsen war, begann von einer Seite zur anderen zu wanken. Ich stieg aus und fand zwanzig Meter vor mir eine Übungsbombe im Sand und Kies vergraben (1m lang mit 80cm Umfang). Zum Glück waren zur selben Stunde keine Lastwagen in der Kiesgrube. Ich stieg auf den Jeep und fuhr in Richtung des Wachtturmes, um aus der Höhe zu schauen, was sich auf dem Gelände abspielt. Zwei im Wachtposten sitzende Offiziere feuerten eine rote Rakete in meine Richtung ab, als Warnung, nicht näher zu kommen. Ich ignorierte die Warnung und näherte mich dem Wachtturm. Eine weitere Rakete wurde abgefeuert, welche ich wieder ignorierte und weiterfuhr, bis ich das Ziel erobert und den Wachtturm erreicht hatte. Der Offizier wies mich zurecht, doch als ich ihm erzählte, dass aus Versehen eine Bombe auf mich geworfen wurde, wurde er bleich und bat mich, ihn zu der Stelle zu begleiten, wo die Bombe fiel. Der Offizier bat mich, diesen Vorfall geheim zu halten. Ich war einverstanden und nahm die Bombenhülse als Andenken an diesen Tag mit nach Hause, welche bis zum heutigen Tag als Blumentopf in meinem Garten dient.
Wie immer folgte ein Ereignis auf das andere und jedes Mal hatte ich das Gefühl, als sei ich im Mittelpunkt des Geschehens. Ich hatte eine hohe Sicherheitsklassifizierung, welche es mir erlaubte, während der Arbeitszeit die Leute der IMI bei ihren Experimenten mit Kanonenrohren zu beobachten. Wenn solch ein Versuch durchgeführt wurde und in Richtung der Sicherheitszone geschossen wurde, wurde ich jeweils gebeten, vom Traktor zu steigen und mich in Sicherheit zu begeben. Da ich gerne dem Kanonenschießen zuschaute, befolgte ich ihre Anweisungen nicht immer und blieb auf dem Traktor sitzen, um der Schießparade zuzuschauen. An einem jener Tage, da wieder experimentiert wurde, saß ich wie üblich, um zuzuschauen, was passiert. Zu meiner Überraschung hörte ich ein seltsames Geräusch und sah Rauch aus dem nahe gelegenen Bunker aufsteigen. Ich fuhr zum Bunker hinüber und beim Anblick der entsetzlichen Szene wurde mir schwarz vor den Augen. Während des Experiments ist ein Fehler unterlaufen: die Mündung wurde nicht richtig verschlossen und die Kanonenkugel schnellte rückwärts und schlug direkt im Bunker ein. Es wurden bei diesem Vorfall damals sechs Menschen auf der Stelle getötet. Mit dem Funkgerät, welches mir in meinem Traktor zur Verfügung stand, rief ich sofort um Hilfe, worauf innerhalb kurzer Zeit zwei Hubschrauber angeflogen kamen. Es war nichts mehr zu retten, denn alle sechs waren bereits tot. Später erfuhr ich, dass alle sechs Bürger meiner Stadt, Herzliya, waren .
In jener Phase war ich überall tätig, wo ich nur konnte: in der Landwirtschaft, als Auftragnehmer, als Arbeiter in der Kiesgrube und damit nicht genug. Im Jahr 1960 versuchte ich mein Glück in einem neuen Bereich. Ich verkaufte meinen Traktor, den Ferguson 35, welchen ich als Hochzeitsgeschenk von Adinas Vater geschenkt bekommen hatte und trat als Geschäftspartner der Bäckerei Adamski bei. Der Versuch hielt nicht lange stand und 1962 kehrte ich an die Arbeitsstelle zurück, wo ich meine berufliche Laufbahn begonnen hatte, zum Kooperativunternehmen "Chof-Yam".
Inzwischen kehrte Adina nach Israel zurück und nachdem wir über mehrere Monate hinweg nur über den Briefweg und den drahtlosen Funkverkehr kommunizieren konnten, freute ich mich natürlich sehr, sie wieder zu sehen und sie zu umarmen und Eli, meinen kleinen Sohn, welcher inzwischen etwas gewachsen war, wieder in meinen Armen zu halten. Wenige Zeit nach Adinas Rückkehr nach Israel, wurde sie erneut schwanger und am 26. Juli 1961 wurde unser zweiter Sohn, Alon, geboren. Das Haus in der "Sarah" Siedlung wurde für die wachsende Familie zu klein und so zogen wir in das Nachbarshaus neben dem Haus meiner Mutter um. Zu der Zeit war meine Mutter bereits schwer krank und es war Adina, welche sich um sie kümmerte und sie pflegte. Allmählich verschlechterte sich der Gesundheitszustand meiner Mutter, bis sie ins Krankenhaus gebracht werden musste. Als Protest dagegen, dass sie mir nie erzählt hatte, dass ich adoptiert war und die Wahrheit während all der Jahre vor mir verborgen hielt, besuchte ich sie nicht. In den Tagen, da sie im Krankenhaus lag, wurde sie von meinen Cousins und vor allem von Adina betreut. Je mehr Zeit verstrich, desto verhärteter hielt ich meine Haltung ein und Adina versuchte mich mit allen Mitteln zu überreden und dazu zu bewegen, meiner Mutter in den letzten Tagen ihres Lebens zur Seite zu stehen. Ich ließ mich nicht überzeugen und argumentierte, dass Valy nicht meine Mutter, sondern eine fremde Frau sei. Aber Adina gab nicht auf und letzten Endes fuhr ich am 23. September 1963 mit meinem Cousin hin, sie im Krankenhaus zu besuchen. Aber es war schon zu spät. Valy, die Frau, die mich aufgezogen, sich um all meine Bedürfnisse gekümmert und mir Wärme und Liebe geschenkt hatte, war wenige Minuten zuvor gestorben, ohne dass ich mich von ihr verabschieden konnte. Ihr Tod ließ mich nicht von meinen Gewohnheiten abhalten und unmittelbar nach der Beerdigung setzte ich meinen gewohnten Alltag fort, als ob nichts passiert wäre. Ich hielt die sieben Trauertage nicht ein und trauerte nicht um ihren Tod. Meine Mutter nahm ihr Geheimnis mit in ihr Grab, ohne zu wissen, dass ich die Wahrheit bereits wusste. Sie wäre die beste Quelle gewesen, wo ich Antwort auf meine Fragen über meine biologische Familie und meine Identität hätte finden können, aber ich hatte dieses Thema niemals vor ihr eröffnet. Ich hatte die Chance verpasst. Ich hatte damals weder die nötige seelische Kraft, noch die Muße, mich mit dem Problem zu beschäftigen und zog es vor, die Angelegenheit zu verdrängen. Im Nachhinein und in meinem Alter zurückblickend, kann ich nur bedauern, dass ich mich nicht von ihr verabschiedet hatte, wie es sich gebührt und dass ich mit ihr die Sache nicht abgeklärt hatte, denn immerhin hatte ich sie geliebt und sie liebte mich.
 
Nach ihrem Tod schloss ich den Kreis und zog mit Adina und unseren beiden Söhnen in das Haus an der Rav Kook Straße 63 ein und kehrte in das Haus meiner Kindheit zurück. Weil wir befürchteten, dass mein Cousin, der lange Zeit hier gelebt hatte, das Testament meiner Mutter suchen werde, um darin Änderungen vorzunehmen, nahm ich ihren kleinen Tresor an mich. Als ich ihn öffnete fand ich zum erste Mal einen konkreten und eindeutigen Beweis, dass ich nicht der Sohn von Leo und Valy bin. Meine Mutter hielt ihr innigstes Geheimnis in ihrem kleinen Tresor bewahrt und jetzt, nach ihrem Tod, wurden die Karten aufgedeckt. Da waren Fotos meiner vier Schwestern (Eva, Hertha, Ruth und Friedel), meines kleinen Bruders und meines Vaters, doch war kein Foto meiner biologischen Mutter dabei.
 
Es war immer mein Traum gewesen, dort zu wohnen und meine Kinder aufzuziehen, wo ich aufgewachsen war. Den Umständen entsprechend konnten wir dies nicht verwirklichen und mussten einpaar Jahre später das Grundstück verkaufen. Wir waren drei Erben, wobei 49% des Besitzes meine beiden Cousins erhielten und ich 51% des Anteils. Ein Verwandter, ein wohlhabender Mann, der in Kfar Shmaryahu lebte und Vorsitzender der südafrikanischen zionistischen Föderation war, bot mir ein Darlehen von 80.000 Lirot an, um von den beiden Cousins das Anrecht auf das Grundstück zu kaufen und die Summe erst zurückzuzahlen, wann es mir möglich sei. Trotz des großzügigen und verlockenden Angebots und obwohl ich sehr gerne in dem Haus gelebt hätte, lehne ich ab. Ich wollte auf keinen Fall ein Risiko eingehen, da ich nicht wusste, wann und wie ich das Geld zurückzahlen könnte. Dies war die Situation und so blieb uns nichts anderes übrig, als das Haus zu verkaufen. Es gab bereits einen Bewerber, der 150.000 Lirot anbot, doch mein Cousin meinte, er könne es zu einem besseren Preis verkaufen und lehnte das Angebot ab. In der selben Nacht erfolgte eine Abwertung von 42% der Währung, so dass wir für das Grundstück nur 76.000 Lirot erhielten, die Hälfte der Summe, welche wir am Tag zuvor erhalten hätten. Der Filialleiter der Bank Leumi LeIsrael, wo wir unser Konto führten, war einst eng mit meinem Vater befreundet und gab uns seinen persönlichen Rat, alle Geldmittel auf Adinas Namen zu überschreiben, mit der Erklärung, dass wir auf diese Weise keine Erbschaftsteuer zu zahlen hätten. Dank seiner Hilfe ersparten wir Tausende von Lirot. Neben der Freude über das ersparte Geld, hatte ich die Schadenfreude, dass meine habsüchtigen Cousins eine hohe Erbschaftssteuer zahlen mussten.
Wie dem auch sei, ging ein Kapitel in meinem Leben zu Ende. Nach über zwanzig Jahren da das Haus an der Rav Kook Straße 63 mein Zuhause war, schloss ich zum  letzten Mal die Türe hinter mir zu.
 
Nachdem meine Mutter gestorben war und wir das Haus meiner Kindheit verkauft hatten, kauften wir in der Yabetz Straße in Herzliya ein Haus. Wir waren bereits eine sechsköpfige Familie, nachdem in der Zwischenzeit, am 3. September 1964 Yitzhak (Jacky) und am 20. Juni 1967 Toby auf die Welt gekommen waren. Während dieser Jahre arbeitete ich im Kooperativunternehmen "Chof-Yam", um auf redliche Weise den Lebensunterhalt der Familie zu verdienen, während es Adinas Aufgabe war, die Kinder zu erziehen. Sie schildert im Folgenden über die Schwierigkeiten und Kinderstreiche, die sie mit den "Fantastischen Vier" erlebte:
 
„Wir hatten ein Haus, vier Kinder und Yehuda fuhr jeden Morgen in aller Frühe in den Süden zur Arbeit. Ich musste morgens alleine mit den Kindern zurecht kommen, ihnen beim Anziehen helfen, sie zur Schule, in den Kindergarten und zum Kindermädchen schicken, um anschließend selbst zur Arbeit zu gehen. Am Ende des Arbeitstages war es wiederum ich, die wieder alle Kinder abholen musste. Wir hatten damals weder ein Auto noch ein Telefon und lebten nicht im heutigen Komfort. Ich hatte es sehr schwer und es gab Tage, an denen mir die Kinder große Probleme bereiteten und es mir nicht gelang, sie rechtzeitig herzurichten. Sie stritten miteinander, einer nahm die Socken des anderen weg und einer fand seine Schuhe nicht – jeden Morgen ein Albtraum.
Es gab aber auch Tage, da die Kinder das Haus problemlos verließen und erst später erfuhr ich den Grund. Als wir inzwischen bereits ein Telefon hatten – eines der wenigen in der Umgebung – rief mich eines Tages die Schuldirektorin an und fragte: „Warum reagieren Sie nicht auf die Mitteilungen, die ich Ihnen geschickt habe?“ Natürlich hatte ich keine Ahnung worum es ging und bat sie um eine Erklärung. Die Direktorin antwortete: „Ich schicke Ihnen mindestens dreimal pro Woche Mitteilungen,  welche Sie unterschreiben, aber dann erscheinen Sie nicht, mich zu treffen.“ Es stellte sich heraus, dass sich die Kinder schlecht benommen hatten, worauf ihnen die Direktorin Briefe mit nach Hause geschickt hatte und Eli, der Älteste, seiner Lehrerin die Briefe mit meiner gefälschten Unterschrift zurückgegeben hatte. Von Tag zu Tag wurden die Großen durchtriebener und lausbubenhafter und ich war ihren Taten gegenüber hilflos. Wenn ich in der Frühe mit der kleinen Toby beschäftigt war oder auf die Toilette ging, nahmen sie mir Geld aus dem Geldbeutel, gaben mir einen Kuss und gingen. Ihre Schulranzen versteckten sie hinter einem Baum im Nachbarsgarten, gingen nach Herzliya und kauften sich mit meinem Geld sie allerlei Dinge. Neben den Kaffees pickten sie in einem Eimer Zigaretten auf und trieben sich den ganzen Tag herum. Nachdem ich herausgefunden hatte, was sie während der Stunden trieben, da ich arbeitete, sagte ich mir, dass diesem Zustand ein Ende gesetzt werden müsse und wir für die Kinder einen Rahmen finden müssen, wo ihnen Verantwortungsgefühl, Arbeitssinn und Disziplin beigebracht würde, einen Rahmen, der den Werten und der Erziehung entsprach, welche Yehuda und ich für sie als angemessen erachteten.
Da ich schon immer Tiere und Landwirtschaft mochte, lag es auf der Hand, dass wir in einen Moschaw umziehen. Im Jahr 1969 erhielt ich einen Teil der Erbschaft meines seligen Vaters (die südafrikanische Regierung ließ es nicht zu, das ganze Geld abzuheben, doch bestand die Möglichkeit, alle drei Monate den Zinsanteil der Anlage abzuheben). Mit diesem Geld kauften wir eine Waschmaschine, ein Auto und Yehuda beschaffte sich einen Bohrer. Ich machte den Führerschein und so machten wir uns auf die Suche nach einem Landwirtschaftsbetrieb. Yehuda war von der Idee sehr begeistert und suchte in der Sharon-Gegend, welche ihm wohl bekannt war und welche er sehr mochte. Auf seiner Suche stieß er auf ein Haus im Moschaw Yarkona. Es war ein schönes großes Haus, doch hatte ich kein gutes Gefühl dabei, denn ich stellte fest, dass die Obstplantagen und Felder in diesem Moschaw verpachtet waren. Da mich vor allem das Bebauen der Erde an einem Moschaw reizte, lehnte ich dieses Angebot ab. Wir setzten unsere Suche fort und kamen zu einem Bekannten im Süden, der uns sagte, er hätte gehört, dass jemand im benachbarten Moschaw Avigdor seinen Landwirtschaftsbetrieb verkaufe. Bereits bei unserer Einfahrt fühlte ich mich wie zuhause. Der Geruch der Viehställe und Orangenschalen bezauberten mich. Wir wandten uns an das Sekretariat des Moschaws, wo wir eine Enttäuschung erlebten. Es wurde uns mitgeteilt, dass kein Betrieb zu verkaufen sei. Wir gaben jedoch nicht nach und die Sekretäre verstanden, dass dies unser Herzenswunsch war und zeigten sich sogar erfreut, als sie hörten, dass wir vier Kinder, darunter drei Knaben hätten und eine große Familie mit tüchtigen Händen seien. Nach einer Weile rückte einer der Sekretäre heraus und sagte: „Es gibt da einen Hof, dessen Besitzer sich nicht schlüssig sind, nachdem ihnen eine Tragödie passiert ist. Ihr Baby ist gestorben und sie haben sich noch nicht entschieden, ob sie bleiben wollen oder nicht.“ Mit erneuter Hoffnung machten wir uns auf den Weg zum betreffenden Hof, um die Gutsbesitzer zu treffen und mit ihnen zu reden. Wir unterhielten uns mit ihnen und als wir ihnen anboten, bar zu zahlen, sagte die Frau: „Das Schicksal hat entschieden. Wir wussten nicht, ob wir gehen sollen oder nicht, aber Ihr zahlt uns Bargeld, das bedeutet, dass wir gehen sollen.“ Im Dezember unterzeichneten wir den Vertrag und im Januar 1970 zogen wir in den Moschaw um.“ 
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Adina hatte die Ursachen und Gründe unseres Umzugs in den Moschaw bereits erklärt, doch auch im Haus in Avigdor, welches wir uns so sehr ersehnt hatten, gab es Krisenmomente und eine Menge Schwierigkeiten. Wir waren eine sechsköpfige Familie und lebten in einem kleinen Haus mit zweieinhalb Zimmern (erst drei Jahre später fügten wir ein Zimmer hinzu). Die Küche war sehr klein, der Spültrog bestand aus Blech, die Schränke hatten keine Türen, in der Wand klaffte eine Spalte, wo man die Hand durchführen konnte, Platz für einen Kühlschrank war nicht vorhanden und heißes Wasser wurde mit Petroleum auf einem so genannten Sputnik gekocht. Trotz der schweren Lebensbedingungen waren wir auf unserem Grundstück hoch motiviert und glücklich.
Wir wollten einen Kuhstall errichten, doch wegen der Milchsteuer wurde uns dies nicht bewilligt. Als der Mentor, der uns in der Anfangszeit begleitete, vorbeikam und die Schafherde sah, warnte er uns: „Die Schafe sind in einem sehr schlechten Zustand.  Da gibt es keine andere Wahl, als sie loszuwerden. Füttert sie gut und in einem Monat werde ich sie zum Verkauf abholen.“ Wie versprochen kam er nach einem Monat zurück und vor lauter Verwunderung dachte er, er hätte sich in der Adresse geirrt. Die Schafe waren in einem ausgezeichneten Zustand und mit Ausnahme von zwei oder drei, welche wir abgeben mussten, behielten wir alle.
Trotz des anfänglichen Erfolgs waren die Schafe keine gute Einnahmequelle und wir suchten nach anderen Investitions- und Entwicklungsmöglichkeiten. Der selbe Mentor machte uns folgenden Vorschlag: „Adina mag Kühe – so züchtet doch einfach Mini-Kühe.“ „Was sind Mini-Kühe?“ „Ziegen.“ Ich fuhr mit dem Mentor nach Galiläa, wo wir aus verschiedenen Ortschaften Ziegen auf den Lastwagen sammelten und sie glücklich und zufrieden in den Landwirtschaftsbetrieb brachten. Wir hatten damals noch keine Ahnung, welch eine Verantwortung damit verbunden war und wie Ziegen gehalten werden – für Adina war es überhaupt das erste Mal in ihrem Leben, da sie eine Ziege zu Gesicht bekam – und erst langsam, langsam lernten wir alles Notwendige und eigneten uns die entsprechenden Fachkenntnisse an.
In Israel war unser Betrieb der erste dieser Art. Ziegenmilch war damals eine Seltenheit, obschon in den Kibbuzim Ziegen gehalten wurden – ca. vier oder fünf Milchziegen pro Kibbuz –  welche von den Kindern gepflegt wurden. Demgegenüber hatten wir kommerzielle Ziele ins Auge gefasst. Wir hielten hundertzwanzig Milchziegen, sechzig Schafe, siebzig Kälber und tausendzweihundert Truthähne. Außerdem bebauten wir eine zehn Hektare große Avokadoplantage und pflanzten Gemüse an, welches wir auf dem Markt in Kiryat Malachi verkauften und später züchteten wir auch noch Strandflieder in einem Gewächshaus auf der Fläche einer Hektare. Wir investierten viel Geld und arbeiteten von Sonnenaufgang bis uns die Luft ausging, wie man so sagt. Ich verrichtete die schwere körperliche Arbeit im Betrieb, während Adina für die Geburten zuständig war, welche sie gruppenweise betreute und arbeite zudem noch außerhalb des Betriebs, um einen zusätzlichen Lohn einzubringen. Ich konnte nicht länger als einpaar Stunden wegfahren, da zweimal pro Tag gemelkt werden musste. Die Kinder waren sehr hilfreich und halfen noch bevor sie morgens zur Schule gingen beim Melken und auch abends, wenn sie heimkehrten. Anfangs melkten wir von Hand. Im Sommer war es so heiß, dass wir mit einem Handtuch um den Hals im Freien saßen. Das Melken von 120 Ziegen, welches von drei Personen vorgenommen wurde, d.h. an welchem sechs melkende Hände tätig waren, dauerte anderthalb Stunden. Obwohl ich muskulös war, schliefen mir anfangs die Finger ein, so dass ich in der Frühe nicht fähig war, weder meine Schuhe zu binden, noch die Hosenknöpfe zuzuknöpfen und trug ein T-Shirt anstatt ein Hemd, damit ich keine Knöpfe zuzuknöpfen hatte. Im Laufe der Zeit gewöhnten sich meine Hände an das Melken, doch war dies noch nicht die ganze Arbeit, welche zu bewältigen war. Adina musste mit der Milch nach Givatayim fahren, um sie zu verkaufen. Neben unserer Molkerei im Moschav hatten wir eine, mit Wasser gefüllte Kühltruhe, welche durch einen Kompressor gekühlt wurde und worin die Milchkrüge transportiert wurden. Adina nahm jeweils acht oder neun Milchbehälter auf einmal mit, wobei jeder dreißig Liter Milch fasste. Das Gewicht der Behälter überschritt das, im Straßenverkehr zugelassene Ladegewicht des Fahrzeugs.
Die Arbeit war hart, das Einkommen spärlich, doch erfüllte uns unsere Tätigkeit mit großer Befriedigung.
Die große Krise ereignete sich gleich im zweiten Jahr, als die Maul-und Klauenseuche ausbrach. Die Seuche brach im Moschaw Orot aus, ging auf Kfar Varburg über, von dort nach Beer Tuvia und kam schließlich in den Moschaw Avigdor. Noch bevor die Seuche bei uns Eintritt fand, las ich in der Abendzeitung "Maariv" die schwarz auf weiß gedruckte Mitteilung: „In der Ziegenzucht im Moschaw Avigdor ist die Maul-und Klauenseuche ausgebrochen.“ Es ist unklar, wie es dazu kam, doch das Gerücht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Gleich am folgenden Tag schrieb ich dem Redakteur der Zeitung einen Beschwerdebrief, in welchem ich ihm ankündigte, gegen ihn einen Prozess einzuleiten. Die Drohung tat seine Wirkung und zwei Tage später veröffentlichte die Zeitung eine Entschuldigung über die Fehlmeldung. Zwar trat die Gerechtigkeit ans Tageslicht, doch hielt dies die Seuche nicht auf und von hundertfünfzig Ziegen wurden nur zwanzig verschont. Ich musste den Stall reinigen und desinfizieren und neue Ziegen kaufen.
Den Schwierigkeiten zum Trotz war ich gewillt, von vorne zu beginnen und leitete Verhandlungen mit dem Landwirtschaftsministerium ein, um eine Entschädigung zu beantragen. Im Gegensatz zu Kühen, für welche es eine bestimmte Preiseinschätzung gab, wurde für Ziegen noch nie eine ähnliche Berechnung festgelegt. Mit Hilfe unseres Mentors, der unsere Arbeit begleitete, erstellten wir eine Schätzung und reichten einen Antrag auf Schadensersatz ein. Ich kannte den damaligen Landwirtschaftsminister persönlich, Abrum, aus dem Kibbuz Shefayim und telefonierte ihm am Vorabend von Yom Kippur nach Hause. Abrum war empört und fragte: „Heute ist der Vorabend von Yom Kippur, was ist passiert?“ Ich sagte ihm: „Ich möchte, dass Du mein Problem so bald wie möglich in die Hand nimmst.“ Worte blieben ohne Taten. Der Landwirtschaftsminister beendete seine Kadenz und an seine Stelle kam ein anderer, Ben Zion Halfon aus dem Moschaw Hazav. Auch ihn spannte ich zu unserem Interesse ein, doch kam er einige Zeit später bei einem Autounfall ums Leben.
Während einem routinemäßigen Melken, hörte ich die Radiosendung von Gideon Lev-Ari mit seinem Programm "Angelegenheit in Behandlung", welches sich mit Bürgerbeschwerden befasste. Ich telefonierte ihm und erzählte ihm unsere Geschichte. Er sagte mir: „Komm zu mir und wir werden Deine Geschichte senden. Die öffentliche Meinung hat in solchen Fällen einen großen Einfluss und kann hilfreich sein.“ Da ich sonst keinen Hoffnungsschimmer mehr sah, nahm ich seinen Vorschlag an, fuhr zu seinem Studio in die Kirya,  wo ich meine Geschichte erzählte und auf Band sprach. Noch bevor die Sendung ausgestrahlt wurde, wandte sich Gideon Lev-Ari an das Landwirtschaftsministerium und teilte denen dort mit: „Yehuda war bei mir und ich habe ihn aufgenommen. Wenn Ihr nicht möchtet, dass das ganze Volk Israel es hören wird, kümmert Euch bitte so schnell wie möglich um seine Angelegenheit, so wie es sich gehört, damit er sich erholen kann.“ Die Drohung nützte nichts und so kam die Aufnahme über den Äther allen Zuhörern in Israel zu Ohren. Erst jetzt erhielt ich meine, von rechtswegen zustehenden Entschädigungsgelder, womit ich die Herde erneuerte.
Wir begannen wieder von Anfang an. Unser Mentor riet mir diesmal, eine Melkplattform zu bauen, was ich auch befolgte. Ich erhielt einen Bauplan, kaufte die nötigen Werkzeuge und so bauten wir alles selbst. Ich erweiterte die, für vier Ziegen geplante Melkplattform, so dass sie für neun Ziegen geeignet war. Als die Konstruktion bereit stand, wandte ich mich an einen Bekannten in Kfar Varburg, welcher auf Melkzubehör spezialisiert war und bat ihn, mir eine Vakuummaschine für das Melken von Ziegen zu besorgen. Darauf hin kontaktierte mich die Firma Woolford mit dem Angebot, mir ihre Melkanlage kostenlos zur Verfügung zu stellen, vorausgesetzt ich sei bereit, dass ihr Personal kommen und beim Melken zusehen dürfe, um zu sehen, wie die Anlage funktioniert. Mir gefiel die Idee und ich erklärte mich einverstanden. Anstatt von Hand begann ich maschinell zu melken, was ausgezeichnet funktionierte. Überraschenderweise schliefen mir die Finger aber nach einpaar Tagen wieder ein. Ich konsultierte einen südafrikanischen Arzt in seiner Klinik in Beer Tuvia, welcher das Leiden folgendermaßen diagnostizierte: „Die Hand ist sich nicht an den Übergang von manuellem zu maschinellem Melken gewöhnt, worauf das Einschlafen der Finger zurückzuführen ist.“
Während der langen Arbeitszeiten vergnügte ich mich mit den Tieren im Hof. Wir führten einen nicht-konventionellen Betrieb, wo verschiedenartige Tiere glücklich zusammenlebten. Da war ein Hahn, ein Ziegenbock, Enten, und eine Gans, welche alle – jeder mit seinem Charakter und seinem eigenwilligen Verhalten – eine bunt gemischte Gemeinschaft bildeten und uns oft amüsante und unterhaltsame Momente bescherten. Hans, der Hahn, stand und überwachte mich beim Melken und ich fütterte ihn dafür mit Kernen, direkt aus meinem Mund. Der Ziegenbock und die Enten gingen stets als Gruppe einher und wenn der Ziegenbock trank, leckte der Enterich die restlichen Wassertropfen aus seinem Bart. Jedes Mal, wenn ich eine Orange aß, forderte die Gans ihren Anteil und wenn ich ihre Forderungen nicht erfüllte, belästigte und zwickte sie mich.
Dies waren erfüllte Jahre, in denen wir vor verschiedene Herausforderungen gestellt waren, wie Arbeit, Kindererziehung und andere. Obwohl wir von morgens bis abends arbeiteten und bereits vier Kinder hatten, wünschte sich Adina noch ein Kind und wurde auch bald wieder schwanger. Als Adina an Yom Kippur gebären sollte, machte ich mich mit ihr auf den Weg ins Kaplan Krankenhaus. Unterwegs fiel uns auf, dass auf der Straße eine rege Bewegung von Panzerwagen herrschte und wunderten uns, dass an einem Feiertag wie Yom Kippur eine Übung durchgeführt wird. Da wir aber mit anderen Dingen beschäftigt waren, kümmerten wir uns weiter nicht darum. Ich bin nun mal nicht der Typ, der Krankenhäuser ausstehen kann, lieferte Adina ab und machte mich wieder auf den Heimweg. Adina im Krankenhaus und ich unterwegs, hörten wir in den Nachrichten, dass Krieg ausgebrochen war.
Am 6. Oktober 1973, während draußen große Aufregung herrschte und die Mütter um das Schicksal ihrer Söhne bangten, wurde uns eine private Freude beschert und Michael, unser fünfte Kronprinz wurde geboren. Zwei Jahre später, am 28. September 1975 erblickte Liora, unsere jüngste Tochter, das Licht der Welt und damit war das Gebot "seit fruchtbar und mehret Euch" mit sechs Kindern erfüllt.
Wie es so im Leben ist, wenn ein Kreislauf beginnt und ein anderer geschlossen wird, wenn Freude sich in Trauer wendet, so geschah es während der Zeit, da wir im Moschaw lebten und über den Tod von Adinas jüngerer Schwester erfuhren, welche im Alter von 27 Jahren starb und drei kleine Waisenkinder hinterließ. Aufgrund der Fülle ihrer alltäglichen Verpflichtungen war es Adina nicht möglich, zu fliegen, um ihrer Schwester die letzte Ehre zu erweisen und an ihrem Begräbnis teilzunehmen.
 
Ende der Siebzigerjahre kam Menachem Begin an die Macht. Unter seinem Finanzminister, Simcha Ehrlich, stieg die Inflationsrate in den frühen Achzigerjahren bis zu 400% pro Jahr. Die Landwirtschaft ging zugrunde und es rentierte sich nicht mehr, das Land zu bearbeiten und Vieh zu züchten. Aufgrund der Probleme, den Lebensunterhalt zu bestreiten, verließen viele Landwirte die Moschawim, um andere Existenzmöglichkeiten zu suchen. Wir fühlten uns im Moschaw Avigdor zuhause. Hier hatten wir für unsere Kinder einen hervorragenden Erziehungsrahmen gefunden und liebten unsere Arbeit und unseren Lebensstil. Allerdings ließen uns die herrschenden Umstände dort keine Existenz mehr zu und so hatten auch wir uns schweren Herzens entschlossen, den Moschaw zu verlassen. Zum Glück war dies gerade zu der Zeit, als Yamit evakuiert wurde. Die Evakuierten, welche großzügige Entschädigungen erhielten, waren auf der Suche nach Alternativen, wo sie sich niederlassen konnten und waren bereit, jeden Preis zu zahlen. Nachdem ich mich erkundigt hatte, wie viel ich für unsere Wirtschaft erhalten könnte, sagte man mir, dass sie zweieinhalb Millionen Schekel wert sei. Dies war der Preis, den ich verlangte und auch erhielt. Im Nachhinein glaube ich, hätte ich auch vier Millionen bekommen, wenn ich es verlangt hätte. Wie dem auch sei,  packten wir im Jahr 1981 all unsere beweglichen Güter. Nachdem wir elf Jahre in Avigdor gelebt hatten, verabschiedeten wir uns zum letzten Mal und zogen in ein Haus in Herzliya um.
 
Wir kehrten nach Herzliya zurück, wo die Situation zwangsläufig nicht viel leichter war und ich erst nach etwa einem Jahr endlich eine Arbeit finden konnte. In der Zwischenzeit waren wir gezwungen, das Auto und den mitgebrachten Traktor zu verkaufen. In diesem Jahr arbeitete Adina an drei oder vier Arbeitsstellen, während ich den Haushalt führte, mich um die Kinder kümmerte und die Einkäufe per Fahrrad erledigte. Nach einem Jahr der Suche, fand ich eine Stelle als Lebensmittel-Lagerist im Hotel Daniel in der Stadt. Die drei älteren Kinder wurden bereits flügge und verließen das elterliche Nest, während die drei Kleinen noch unter der Obhut und dem Schatten unserer Flügel blieben.
Dank meiner Arbeit konnten wir uns in ein neues Abenteuer wagen und mit dem Ausbau des Hauses beginnen. Wir fügten eine zusätzliche Etage von 52m2 hinzu, womit unsere Wohnsituation bedeutend komfortabler wurde.
Nach acht Jahren Arbeit im Hotel Daniel, wurde das Hotel im Jahr 1989 aufgrund Renovierungsarbeiten geschlossen. Da ich arbeitslos war, kehrte ich ein letztes Mal, diesmal für nur kurze Zeit, als Traktorist zum Kooperativunternehmen Chof-Yam zurück. Die langen Arbeitsstunden und die körperliche Anstrengung waren mir für fünf Jahrzehnte angemessen gewesen, doch jetzt, da ich inmitten meines sechsten Lebensjahrzehnts stand, dachte ich mir, es wäre an der Zeit, eine bequemere Arbeit zu suchen. Ich fand im Kibbuz Glil Yam (ganz in der Nähe unseres Hauses) in der Firma "Madgal" in der Herstellung von Wasserhähnen Beschäftigung. 1996, nachdem ich der Firma sieben Jahre treu gedient hatte, passierte mir ein Missgeschick und ich stürzte auf den Betonboden, wobei drei meiner Schulterbänder angerissen wurden. Hinsichtlich meiner körperlichen Behinderung verschrieb mir der Betriebsarzt den vorzeitigen Ruhestand, zumindest formell, denn in Wirklichkeit arbeite ich heute noch. In der Tat wurde ich nach dem Sturz an beiden Händen behindert, nachdem die eine Hand bereits infolge meiner Kinderlähmung betroffen war. Ich musste eine intensive Physiotherapie durchlaufen, um die Muskeln rund um die Schultern neu aufzubauen, bis sich mein Zustand besserte.
Inzwischen wurden Enkelkinder geboren und eine dritte Generation wuchs heran. Ich hielt mich oft in der Gesellschaft des Nachwuchses auf und holte einmal pro Woche Adir, den achtjährigen Enkelsohn (Jackys Sohn) zu uns nachhause ab. Adir ist ein neugieriger Junge und stets interessiert, von mir neue Geschichten zu hören. Als wir wieder einmal von seinem Zuhause in Kfar Saba zu uns nach Herzliya unterwegs waren, fragte mich der Kleine: „Sabba, was habt Ihr als Kinder gemacht – ohne Computer, ohne Playstation, ohne Fernseher? Wie bist Du überhaupt aufgewachsen?“ Ich sagte: „Das war toll. Wir hatten eine viel schönere Kindheit als Ihr. Wir hatten im Alter von 10 Jahren keine Brillen. Wir saßen keinen Moment zuhause herum und es war uns nie langweilig. Wir improvisierten unsere eigenen Spiele und bastelten die Brillen selbst.“ Adirs Neugierde, kombiniert mit der Tatsache, dass ich Dutzende von Geschichten und Erlebnisse aus meiner Kindheit zu erzählen hatte, spornten mich an, meine Kindheitserinnerungen aufzuschreiben.
Ich begann meine Erinnerungen vom Alter von vier Jahren an schriftlich festzuhalten  und die damalige Zeit, unsere Spiele, unsere Freundschaften und die Abenteuer mit den Engländern zu schildern, während meine drei ersten Lebensjahre in Vergessenheit und Ungewissheit gehüllt waren. Das Buch wurde jedem meiner Kinder ausgehändigt und mit Begeisterung und Vergnügen gelesen.
Nur über eine Sache erzählte ich nichts – über meine wahre Identität...
 
Die Computer waren erst am Aufkommen, als Adina und ich einen Computer und Computerspiele kauften. Adina übte sich schnell ein, während ich bei den Spielen stecken blieb. Bei einem seiner Besuche war Adir entzückt, als er entdeckte, dass wir einen Computer gekauft hatten. Als er feststellte, dass der einzige Nutzen, den ich daraus ziehen konnte, das Spielen war, fragte er: „Sabba, hast Du einen Computer gekauft, nur um zu spielen? Weißt Du nicht, wie man das Internet benutzt?“ Ich betrachtete den kleinen Achtjährigen und erwiderte: „Sag mal, Adir, kannst Du mit einem Pferd pflügen?“ Trotz meiner schlagfertigen Antwort war es Adir, der meine Augen öffnete und mich zum Lernen veranlasste, um mit dem Internet vertraut zu werden. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass ich endlich eine Möglichkeit hatte, meine Familie zu finden und meiner wahren Identität auf die Spur zu kommen.
Nachdem ich fünfzig Jahre lang gearbeitet hatte und keine Minute Zeit für mich selbst hatte und nachdem ich jetzt in den gezwungenen Ruhestand getreten war, raffte ich mich endlich auf, meiner Herkunft und meiner Wurzeln auf den Grund zu gehen. Ich war 62 Jahre alt, genau vierzig Jahre seitdem ich verblüfft auf dem Gehsteig stehen geblieben war und die Worte hörte, welche die Realität meines Lebens ins Wanken brachten: „Du brauchst das Kaddisch nicht zu sagen, Leo ist nicht Dein biologischer Vater.“ Viele Jahre waren vergangen, seit dem diese schicksalhaften Worte durch handfeste Beweise untermauert wurden – viele Jahre, in denen ich bevorzugt hatte, die Angelegenheit zu verdrängen, anstatt mich damit auseinanderzusetzen. Erst jetzt, in meinem fortgeschrittenen Alter und den Umständen entsprechend fand ich Zeit und die innere Überwindung, die wahrhafte Reise meines Lebens anzutreten.
 
Hoffnungen
 
Als ich auf Adinas Ermutigung und Ansporn hin endlich den Entschluss gefasst hatte, nach meiner Herkunft und Wurzeln zu forschen, hatten wir praktisch keinen Anhaltspunkt, der uns durch den Zeittunnel hätte führen können. Fast sechzig Jahre waren vergangen und außer der Mitteilung und einpaar weniger Fotos meines Vaters und meiner Geschwister, welche meine Mutter in ihrem Tresor verschlossen hielt und welche wir erst nach ihrem Tod entdeckt hatten, lag uns gar nichts vor. Ich wusste damals nicht einmal, wo ich geboren wurde.
Als erster Versuch, meiner Vergangenheit auf die Spur zu kommen, wandte ich mich an Yad Vashem und die Deutsche Botschaft. Ich bat um die Adressen von Holocaust-Museen, Archiven und Kirchen, um sie zu kontaktieren, in der Hoffnung, einen Anhaltspunkt zu finden. Über das Internet, welches zu einem zentralen Hilfsmittel wurde, begann Adina mit verschiedenen Körperschaften zu korrespondieren. Bei einem Aufenthalt in Südafrika, ihrer Heimat, besuchte sie in Kapstadt das Holocaust-Museum. Als sie sich erkundigte, wo Sie relevantes Material erhalten könne, verwies man sie auf das Holocaust-Museum in Washington, als zuverlässigste Quelle. Sobald Adina nach Israel zurückgekehrt war, schilderte sie ihnen meine Geschichte und bat um jedes Material oder Dokument, das uns in dieser Angelegenheit weiterhelfen könnte. Ihre Bemühungen waren tatsächlich erfolgreich und schon nach kurzer Zeit erhielten wir ein authentisches Dokument des Holocaust Museums in Washington – eine Volkszählung des Jahres 1941 der Stadt Ortelsburg, in welcher alle Namen der Familie Schneider, meiner Familie, aufgeführt wurden mit Ausnahme meines Namens und dem Namen meiner älteren Schwester, Frieda. Als ich das Dokument sah, wusste ich sofort, dass es sich um meine Familie handelte.
Am 23. September 2002 erhielten wir aus Los Angeles ein weiteres Dokument mit Namen, Geburtsdaten und Geburtsorten von Angehörigen meiner Familie. Hier erfuhr ich erstmals, dass mein Vater, Willy Schneider, am 9. Februar 1893 in Warkallen in der Region Allenstein geboren wurde und dass meine Mutter, Elsa Schneider, geb. Alexander, am 3. Mai 1894 in Goral geboren wurde. Weiter waren auf der Liste meine vier Schwestern aufgeführt: Frieda, geboren am 11. März 1925, Hertha, geboren am 18. April 1926, Ruth, geboren am 13. Mai 1928 und Eva, geboren am 26. März 1930. Am Ende der Liste stand der Name meines kleinen Bruders, Heinz, geboren am 22. Februar 1938. Beim Betrachten des Dokuments mit den schwarz auf weiß gedruckten Namen und Daten empfand ich innerlich nichts, weder Ergriffenheit, noch das Gefühl von Nostalgie, sondern einzig das Bestreben nach Vervollständigung und die Erwartung, dass uns die Informationsbrocken auf weitere Teile des Puzzles hinweisen würden. Es schwebte mir eine leise Hoffnung vor, dass die Namen irgendwann einmal Gesichter erhalten würden, welche Gefühle und Emotionen auszudrücken und Gestalt annähmen und uns die Zusammengehörigkeit und Nähe zurückbrächten, welcher sie und ich beraubt wurden und ich eines Tages jemanden von ihnen treffen und umarmen möge.
Nach vielen Bemühungen und unzähligen Korrespondenzen über einen langen Zeitraum hinweg, landeten Adina und ich schließlich in einer Sackgasse. Wir hatten zwar aufgeklärt, wo ich geboren wurde und kamen in den Besitz der Namenliste, doch gelang es uns nicht, irgendwelche Aufschlüsse über das Schicksal meiner Familie zu erhalten und hörten auch keine einzige konkrete Zeugenaussage von jemandem, der sie gekannt hatte. Während der hektischen Suche nach jeder kleinsten Information zog ich eine Familienforscherin namens Eva Floersheim zu Hilfe, eine nette Frau mit langjähriger Erfahrung in Yad Vashem, um die Räder erneut in Bewegung zu setzen. Wir saßen lange Abende zusammen und stöberten in den Unterlagen aus Archiven und Registern, bis ich eines Tages von Eva eine E-Mail erhielt: „Hallo Yehuda, ist Dir der  Name Landshut bekannt?“ Wie es in der digitalen Welt üblich ist, antwortete ich ihr online: „Ja, selbstverständlich. Ich habe eine Cousine in Kfar Yedidia namens Landshut.“ Es stellte sich heraus, dass Eva Floersheim im Laufe ihrer Nachforschungen und Untersuchungen die Spuren meiner Cousine verfolgt hatte, welche sie zu einer Cousine namens Eva Landshut führte, welche in London lebt. Durch die sensationelle Neuigkeit ermutigt, telefonierte ich ohne zu zögern meiner Cousine in Kfar Yedidia und fragte sie, ob ihr der Name Eva Landshut bekannt sei. Meine Cousine bestätigte mir, dass diese existiert und gab mir ihre Telefonnummer. Begeistert und voller Aufregung telefonierte ich nach London. Eva, eine betagte, ca. zweiundachtzig-jährige Frau meldete sich. Ich stellte mich mit meinem Geburtsnamen, Lutz Schneider, vor, worauf ich am anderen Ende Evas überraschte Stimme hörte: „What, Lutz, you are alive?“ Sie hatte keine Ahnung, dass ich am Leben war. Es stellte sich heraus, dass Eva in jungen Jahren, im Alter von sechsehn, im Rahmen der Jugendbewegung nach Israel kam und sich im Kibbuz Givat Brenner niederließ. Inzwischen überlebte Evas Mutter die Schrecken des Holocaust und emigrierte später nach Israel, wo sie starb. Während der britischen Mandatszeit, arbeitete Eva im freiwilligen Dienst in einem Krankenhaus. Sie verliebte sich in einen britischen Soldaten, welcher verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wurde und unter ihre Betreuung kam. Später, heirateten die beiden in Tel-Aviv. Der Soldat war ein christlicher Pastor und gleich nach ihrer Hochzeit verließen sie das Land und zogen nach England und lebten im Haus der Mutter des Pastors. Die Mutter demonstrierte ihre Missbilligung über ihre jüdische Schwiegertochter, was Eva schlussendlich veranlasste, zum Christentum überzutreten.
Bereits im Laufe unseres Gesprächs, da ich all die neuen Informationen sammelte, war ich sicher, dass Adina und ich demnächst einen Flug nach London buchen würden, um die Cousine, über deren Existenz wir erst erfahren hatten, persönlich zu treffen. Aber die Realität ist oft viel komplizierter und kann manchmal auf grausame Weise falsche Vorstellungen hervorrufen. Am Ende unseres Gesprächs sagte Eva die unmissverständlichen Worte: „Lutz, ich bitte Dich, rufe mich nicht wieder an, wende Dich nicht mehr an mich und sprich nicht mehr mit mir. Ich will keinerlei Kontakt mit Dir. Ich möchte nicht in die Vergangenheit zurückkehren.“ Im Nu stürzte die Hoffnung ein, von jemandem aus erster Hand über meine Familie zu erfahren. Ich brauchte einpaar Sekunden, um mich zu fassen und bevor sie aufhängte, fragte ich noch: „Hast Du Familienfotos?“ Sie bejahte und tatsächlich – einpaar Tage später erhielten wir die Fotos. Zum ersten Mal sah ich Fotos von meiner leiblichen Mutter und meinen Schwestern und im Gegensatz zu den trockenen Dokumenten mit Namen und Daten, ließ mir der Anblick der Fotos Gefühle aufkommen, welche ich bisher nicht kannte. Als Großvater konnte ich nicht anders, als beim Betrachten der Fotos meiner Schwestern, welche im Alter meiner Enkelkinder abgebildet waren, Vergleiche zu ziehen. Zwei meiner Enkelinnen gleichen einer meiner Schwestern aufs Haar genau und einer meiner Söhne ähnelt ebenfalls einer von ihnen. Die Fortsetzung der Gene meiner Familie hatte sich zumindest in der äußerlichen Ähnlichkeit bestätigt.
Weiter versuchte ich Evas Herz zu bewegen und sagte ihr: „Es ist mir egal, was Du bist - ob Christin, Muslima, irakisch oder marokkanisch, das interessiert mich nicht. Ich interessiere mich, wer Du bist, denn jeder Mensch hat ein Herz, ob Christ oder Muslim.“ Aber auch dieses Argument überzeugte sie nicht und sie bestand darauf, jeglichen Kontakt mit mir zu verweigern. Nachdem Eva ihr Herz und ihr Haus für uns verschlossen hielt, versuchten wir, über ihre Tochter, Judith, vorzudringen. Adina kontaktierte sie schriftlich, doch zu unserer Enttäuschung wurde uns auch diese Tür vor der Nase zugeschlagen. Judith formulierte ihre Absage in einer kurzen E-Mail-Mitteilung: „Es ist Winter und meine Mutter ist eine kranke Frau und muss die ganze Zeit zuhause bleiben und deshalb kann sie Euch nicht empfangen.“
 
Kurze Zeit später telefonierte mir meine Cousine aus Kfar Yedidia und sagte mir: „Yehuda, ich möchte, dass Du nach Beit Yitzhak kommst. Ein Cousin der Familie Landshut ist aus London angekommen, um sich in Beit Shemesh niederzulassen. Wir können uns in einem Café im Moschaw treffen.“ Selbstverständlich fuhr ich hin. Es stellte sich heraus, dass Eva Landshut auch seine Cousine war (von der anderen Seite der Familie). Als ich ihm erzählte, dass sie sich weigerte, mich zu empfangen, war er schockiert. Wir unterhielten uns lange, doch konnte ich leider wieder nichts Neues über meine Familie erfahren. Später teilte mir dieser Cousin mit, dass Eva Landshut in London gestorben sei. Ich schickte per E-Mail eine Kondolation, auf welche ich bis heute keine Reaktion erhielt.
Trotz der Enttäuschung, gaben wir nicht auf und setzten die Nachforschungen fort. Wir beschlossen, das Suchfeld zu erweitern und mit Hilfe der Familienforscherin Eva Floersheim erstellten wir die Internetseite "Missing Identity", welche auf der Webseite "JewishGen" gehostet wird und veröffentlichten dort ein Profil unter dem Namen "Lutz Schneider", wo wir alle Angaben und Informationsfetzen, welche wir so weit über meine Eltern, meine Schwestern und meinen kleinen Bruder zusammengetragen hatten, aufführten.
Die Seite ist online veröffentlicht und wir warten gespannt auf Reaktionen.
Meine Biografie
 
Die Veröffentlichung meiner Biografie bei JewishGen bewährte sich sehr bald. Die Äußerung, dass die Welt Dank des Internets zu einem globalen Dorf geworden sei, scheint zu stimmen. Unter den Lesern meiner Lebensgeschichte war Alfred Denda, ein Familienforscher aus Dortmund, Deutschland, Leiter einer Gruppe des Vereins ehemaliger Ortelsburger, Bürger meiner Geburtsstadt. Herr Denda schrieb mir in einer E-Mail, dass ihn meine Geschichte berührt hatte und er gerne bereit sei, mir zu helfen, wo nur möglich. Natürlich war ich glücklich über sein Entgegenkommen und schickte ihm Kopien aller Unterlagen, welche ich zur Verfügung hatte. Herr Denda veröffentlichte meine Geschichte in einer lokalen Zeitung in Deutschland, worauf ich zwei Briefe mit beigefügten Fotos meiner Schwestern erhielt. Die Briefe stammten von zwei Frauen in ihren besten Jahren, welche ehemalige Klassenkameradinnen von zwei meiner Schwestern waren. Während all der Jahre entfachte jeder Informationsfetzen, den ich ergattern konnte, meine Hoffnung von neuem und verursachte große Aufregung. Diesmal, da die Informationen von Frauen stammten, welche meine Schwestern persönlich gekannt hatten, erreichte die Aufregung neue Höhepunkte. Ich bedankte mich für ihre Briefe und die Fotos und blieb während der ganzen Zeit mit Herrn Denda per E-Mail in Kontakt. Unter anderem schickte er mir eine Landkarte der Region Ortelsburg des Jahres 1927, um einfach davon Kenntnis nehmen zu können, doch war sie mir später, auf der Fortsetzung meiner Reise sehr hilfreich. Bei jedem E-Mail, Telefonanruf oder Brief, den ich erhielt, hoffte ich, dass sich diesmal ein bedeutender Durchbruch ereignen würde und erwartete den Augenblick – ich übertreibe nicht – da sich am Telefon eine unbekannte Stimme melde, welche sich als eine Angehörige oder ein Angehöriger meiner Familie entpuppte. Während all der Jahre und bis zum heutigen Tag, stelle ich mir die erste Begegnung vor, die ersten Worte, die ich sagen würde, die erste Umarmung und die Blicke auf der Suche nach einer Ähnlichkeit.
Der ersehnte Augenblick blieb zwar aus, doch erweckte ein unerwarteter Anruf von Herrn Alfred Denda neue Erwartungen. Herr Denda lud mich und Adina nach Warschau ein, um an einer Denkmalsetzung teilzunehmen zum Gedenken an die Einwohner von Ortelsburg und Umgebung (heute die Region der Masuren), welche während des Zweiten Weltkriegs ums Leben gekommen waren. Viele Ängste und Befürchtungen gingen dem Flugtag voraus – die Angst vor der Ungewissheit und gleichzeitig die Angst vor der Konfrontation mit der Wahrheit.
Der Reisetermin näherte sich, als unserer älteste Sohn, Eli, plötzlich einen Arbeitsunfall erlitt (die Bohrmaschine des Traktors ist ihm auf den Fuß gefallen und zertrümmerte seinen Fußrücken) und im Krankenhaus lag. Bei einem meiner Besuche sagte ich ihm: „Ich sage die Reise ab. Wir fliegen nicht und ich bleibe hier, bei Dir.“ Eli erwiderte ohne zu zögern: „Abba, Du kannst mir ohnehin nicht helfen, fliegt nur.“ Ich fuhr weiter: „Ich verschiebe die Reise. Wir fliegen in zwei Wochen oder in einem Monat.“ Aber Eli bestand darauf, dass wir fliegen sollen. Meine Bedenken ließen mir keine Ruhe und ich fragte mich, wie und was sein wird und wie ich mich fühlen werde und wie ich mich bei meiner ersten Begegnung mit Deutschen verhalten werde. Mit der Sprache werde ich schon zurecht kommen, davon war ich überzeugt, denn während zwei Wochen, saß ich mit meiner besten Freundin draußen, Kaja, unsere Rottweiler Hündin und sprach mit ihr in Deutsch, während sie mir mit fragenden Blicken erwiderte. So übte ich mit der geliebten Hündin meine beinahe vergessene Muttersprache ein.
 
In der Nacht vor der Abreise hatte ich einen Traum, in welchem sich die ferne Vergangenheit mit der aktuellen Wirklichkeit vermischte. Ich träumte, dass ich meinen Sohn, Eli, im Krankenhaus besuchte, als ich plötzlich im Lautsprecher hörte, dass Dr. Schneider aufgerufen wurde. Ich ging hin, um zu sehen, wer dieser Dr. Schneider war und eine Krankenschwester erklärte mir: „Dies ist er, der Arzt, der dort im Ärztekittel steht.“ Ich trat an ihn heran und fragte ihn: „Sind Sie Dr. Schneider?“ Er bejahte und ich setzte fort: „Darf ich fragen, wo Sie geboren sind?“ Er sagte: „Das kennen Sie sowieso nicht. Ich bin in einer kleinen Stadt in Ostdeutschland geboren.“ „In Ortelsburg?“ fragte ich. Er bejahte wieder und blickte mir direkt in die Augen. „Wie hieß Ihr Vater und Ihre Mutter?“ fragte ich. „Willy und Elsa Schneider.“ Da sagte ich: „Ich bin Lutz, Dein Bruder.“ In diesem Augenblick wachte ich auf. Mein Kopfkissen war nass vor lauter Tränen. Der Traum symbolisiert den Höhepunkt meiner Erwartungen und reflektiert meine Sehnsucht, eines Tages einen meiner Familienangehörigen zu finden – ein Traum, aufgrund dessen ich die Reise meines Lebens antrat.
 
Trotz meiner Bedenken nahm ich die Einladung von Herrn Denda an und am 4. Mai 2005 starteten Adina und ich die Reise im Raum der Zeit, die Reise in die Vergangenheit, zurück auf den Spuren der Wurzeln der Familie Schneider.
 
* 
Reisetagebuch
 
Mittwoch, den 4.5.2005
 
Der Flug nach Warschau – Ankunft, Mittag. Die meisten Passagiere reisten nach Auschwitz weiter, um an der Holocaust-Gedenkfeier teilzunehmen. Wir wurden am Flughafen in Warschau von Frau Liebgard Grabosch, Frau Stammberg und Herrn Günther Scheumann empfangen (Frau Grabosch war eine der Frauen, welche mir einen Brief geschrieben hatte. Sie hatte vier Jahre mit meiner Schwester Herta zusammen die gleiche Schulklasse besucht und schickte mir sogar ein Foto während einer Schulreise, wo sie, meine Schwester und einpaar andere Mädchen in einer Waldlichtung tanzend, abgebildet sind). Wir erkannten sie, wie vorher vereinbart, an den Kartonschildern mit unseren Namen und am Regenschirm den Frau Grabosch in der Hand hielt. Als Zeichen der Freundschaft und des guten Willens reichte Frau Grabosch Adina eine Rose. So begann meine Reise ins Ungewisse, die Reise in meine Kindheit, an welche ich mich nicht mehr erinnere.
 
Die Reise
 
Wie bereits erwähnt, kamen wir in Warschau an und wurden sehr herzlich empfangen. Als wir sie auf Englisch grüßten, spürten wir, dass sie offensichtlich etwas enttäuscht waren, dass wir kein Deutsch sprachen und fragten sich, wie sie sich wohl mit uns in Englisch verständigen könnten, doch zu ihrer großen Überraschung sprach ich in Deutsch weiter, worüber sie sich grenzenlos freuten.
Wir fuhren zu einem Hotel in Warschau, welches sie für uns reserviert hatten. Der Himmel war bewölkt und die Witterung recht kühl, ca. 13 Grad Celsius und es regnete die ganze Zeit ein wenig. Wir luden sie zu einem gemeinsamen Abendessen im Hotel ein und nutzten die Gelegenheit, unsere Freundschaft etwas zu festigen.
Am nächsten Tag, nachdem wir einen unserer Koffer bis zu unserem nächsten Besuch in einer Woche im Hotel zurückgelassen hatten, fuhren wir mit Günthers Auto ca. 300 km nördlich nach Ortelsburg (heute Szczytno). Es regnete die ganze Zeit und bei jedem Unterbruch, da wir aus dem Auto ausstiegen, wehte ein kalter, heftiger Wind. Am Nachmittag erreichten wir unser Hotel in Szczytno, nahmen eine leichte Mahlzeit ein und zogen uns in unser Zimmer zurück, um auszuruhen.
Gegen Abend kam ein Autobus mit ca. 22 Leuten aus Deutschland an - alle waren in Ortelsburg oder in der Umgebung geboren. Bei ihrer Ankunft saß ich auf einem Sofa in der Lobby und las das Buch "Exodus". Ich hörte Stimmen in deutscher Sprache und eine Frau kam die Treppe hoch. Als sie an mir vorbei kam, fragte ich sie, ob die Gruppe aus Deutschland sei, worauf sie bejahte. Ich fragte, ob auch Herr Alfred Denda unter ihnen sei. Sie bestätigte dies und fragte gleich, ob ich Yehuda aus Israel sei. Es stellte sich heraus, dass Herr Denda der Gruppe erzählt hatte, wie unsere Beziehung zustande gekommen sei und wie wir uns befreundet hatten. Ich war über ihre Worte überrascht und bat sie um mehr Einzelheiten. Sie sagte, dass Herr Denda ihnen meine Geschichte erzählt hätte und sie zu einem Treffen nach Ortelsburg eingeladen hätte. Anschließend wurde mir Herr Denda vorgestellt und zum ersten Mal sahen wir uns von Angesicht zu Angesicht. Er war ein besonderer Mensch von bezauberndem Charme.
Das Treffen, begleitet mit einem festlichen Abendessen, fand in Anwesenheit des Bürgermeisters der Stadt, seinem Stellvertreter, dem Landrat und anderen angesehenen Leuten aus Ortelsburg statt. In seiner Eröffnungsrede begrüßte der Gruppenleiter als Erstes meine Frau und mich, die wir aus Israel gekommen waren und erwähnte in seiner Rede die Tatsache, dass ich der einzige Jude der Stadt sei, der die Schrecken des Holocaust überlebt hätte. Im Laufe des Abends begrüßte der Bürgermeister alle Gäste und aus dem Augenwinkel sah ich, dass er zu uns blickte. Er stand auf, begab sich zu uns herüber und schüttelte uns die Hand. Wir standen etwa eine Viertelstunde beieinander und unterhielten uns. Ich war erstaunt zu hören, dass Hulon die Zwillingsstadt von Ortelsburg sei und dass er schon zweimal in Israel zu Besuch gewesen sei. Bereits an jenem Abend wandten sich zahlreiche Gäste an uns und einpaar erzählten, dass sie meine Familie gekannt hätten. Unter ihnen war ein Mann, der sich erinnerte, dass mein Vater neben seinem Haus ein Restaurant hatte,  in dessen oberen Etage er Zimmer vermietete. Das Gasthaus befand sich am rechten Ende eines Gebäudes an der Kaiserstraße, der damaligen Hauptstraße, und dahinter befand sich die Synagoge. Von ehemaligen Kunden meines Vaters erfuhren wir, dass dort keine alkoholischen Getränke verkauft wurden und dass die Juden nach dem Gebet gekommen seien, um dort etwas Leichtes zu essen und zu trinken. Es wurde auch der Name "Yitzchak Schneider" erwähnt, aber wir wussten derzeit nicht, ob es sich dabei um einen Verwandten handle oder nicht. Wir erfuhren außerdem, dass die Nazis das Geschäft meines Vaters verstaatlicht hatten, worauf er gezwungen war, seinen Lebensunterhalt als Hausmeister in der Schule zu verdienen.
Im Laufe des Abends sammelten wir Dutzende von einzelnen Informationen über meine Familie, aber was letzten Endes ihr Schicksal war, blieb ungewiss. Nach dem Abendessen wandte sich Adina an den Bürgermeister und fragte ihn, ob in der Stadtverwaltung irgend welche aufschlussreiche Unterlagen über meine Familie vorhanden seien, welche wir bekommen könnten. Der Bürgermeister versprach ihr, uns zu helfen, wo er nur könne.
Im Laufe unseres Aufenthalts trafen wir verschiedene Leute und allmählich formte sich ein klareres Bild über die Stadt zur Zeit unter deutscher Herrschaft. Jemand schilderte uns, wie er als Kind sah, wie die Synagoge in Brand gesetzt wurde. Als ein Gemeindemitglied hineingegangen sei, um die Thorarolle zu retten, hätte ihm ein deutscher Nazi die Thora aus den Händen gerissen, sie in die Flammen geschleudert, den Juden erschossen und seine Leiche ins Feuer geworfen.
 
Unabhängig von meiner "Wurzelreise" wurde für die Gruppe unter anderem ein Besuch bei der Wohltätigkeitsorganisation "Lazarus" organisiert, welche medizinische Hilfsmittel, wie Rollstühle, Insulinspritzen etc. für Pflegeheime zur Verfügung stellte und Kleidersammlungen für Bedürftige organisierte. Wir wurden mit Tee und Kekse bedient und hinterließen ihnen selbstverständlich eine großzügige Spende für ihre respektable Tätigkeit.
So kamen wir auch an der ''Wolfhöhle" vorbei, Hitlers Kommandobunker, besichtigten das Volksmuseum, welches sich im Gebäude der Stadtverwaltung von Ortelsburg befindet und ließen uns von den vielen ortsspezifischen Gegenständen beeindrucken, welche mit großer Sorgfalt aufbewahrt wurden, um einen Eindruck von der prachtvollen Vergangenheit zu vermitteln. Es wurde für uns ein masurischer Folkloreabend veranstaltet und wir genossen die Gesänge und bunten traditionellen Volkstänze dieser Region.
Im Gruppenprogramm war auch eine Denkmalsetzung zum Gedenken an die polnischen und deutschen Kriegsopfer geplant. Es gab in der Gruppe unterschiedliche Meinungen, ob Adina und ich mitkommen sollen oder nicht, denn der Gouverneur der Region sei ein Pole und möglicherweise antisemitisch eingestellt. Die Meinungsverschiedenheit rührte daher, dass die deutschen Gruppenteilnehmer baten, dass die Inschrift in deutscher Sprache gesetzt würde, während der Gouverneur darauf bestand, dass sie in Polnisch sei. Unter den gegebenen Umständen und um uns keine Unannehmlichkeiten zu bereiten, wurden wir gebeten, nicht mitzukommen. Schließlich beschlossen wir, nur kurz an den Ort hinzufahren, um ihn zu sehen. Als wir aber mit unseren Gastgebern und Günther am Steuer, links in den Parkplatz einbiegen wollten, fuhr ein anderes Auto geradeaus und prallte mit uns zusammen. Es ist uns nichts passiert, doch beide Autos wurden beschädigt – offenbar wollte es das Schicksal so.
Nach den Zeremonien und dem offiziellen Teil des Ausflugs, begann für uns die eigentliche Reise auf den Spuren meiner Vergangenheit und der Vergangenheit meiner Familie. Wir machten uns in aller Frühe mit Frau Grabosch und Günther auf eine Stadtrundfahrt in Ortelsburg und suchten alle Stellen auf, wo sich Frau Grabosch mit meiner Schwester Herta aufgehalten hatte. Trotz der Veränderungen nach rund 70 Jahren, konnte sie die genaue Stelle in der Waldlichtung finden, wo das Erinnerungsfoto, welches sie mir geschickt hatte, aufgenommen wurde.
So besichtigten wir auch die Schule hinter dem Rathaus, welche sie mit meiner Schwester Herta besucht hatte. Frau Grabosch zeigte uns das Klassenzimmer, wo sie vier Jahre zusammen gelernt hatten und die Treppe, auf welcher Herta stets hinuntergegangen war. Plötzlich drehte sich Frau Grabosch um und sagte mit erstickter Stimme, dass sie nicht mehr weiter könne. Günther schritt weiter, um sein Klassenzimmer aufzusuchen. Es war Sonntag und es fand kein Unterricht statt. Günther erklärte, dass sein Vater stellvertretender Direktor der Schule war und erinnerte sich, dass Willy, mein Vater zu jener Zeit als Hauswart gedient hatte, nachdem ihm die Deutschen das Restaurant, seine Einnahmequelle, beschlagnahmt hatten. Günther erinnerte sich – was auch seine Schwester in dem früheren Brief erwähnt hatte – dass sein Vater ihm heimlich Zigarettenschachteln in den Blumentöpfen versteckt hätte. Er und andere Gruppenmitglieder erinnerten sich, dass meiner Familie und anderen jüdischen Familien im Verborgenen Kleider gespendet wurden und es hätte sogar solche gegeben, welche jüdische Familien in ihren Häusern untergebracht oder versteckt hätten.
Wir setzten unsere Reise fort und gingen zum jüdischen Friedhof der Stadt, oder besser gesagt, was davon übrig geblieben war. Ich war beim Anblick der vernachlässigten Stätte und der zertrümmerten, mit Hakenkreuzen geschändeten Grabsteinen schockiert. Auf einem der Grabsteine war die Aufschrift "Juden raus!" aufgesprüht. Auf unserem Besuch im Friedhof fanden wir zwei Grabsteine mit der Inschrift "Schneider", einer davon des Datums 1806. Wir legten nach jüdischem Brauch einen Stein auf Schneiders Grab und traurig und schweren Herzens verließen wir den Ort.
Der Höhepunkt des Tages war unser nächstes Ziel, das Haus an der Dickmannstraße 4, meinem Geburtshaus, welches ich im Alter von drei Jahren verlassen hatte und wo meine Eltern, meine Schwestern und mein Bruder gelebt hatten. Zu unserer Enttäuschung wurden die Straßennamen in polnische Namen geändert und als wir Passanten nach der betreffenden Adresse fragten, konnten sie uns keine Auskunft geben. Wir erreichten schließlich die Straße, die wir für richtig hielten, doch an der Stelle, wo das Haus Nummer 4 hätte sein sollen, war nur ein leeres Grundstück mit Obstbäumen. Einer der Passanten, führte uns schließlich in die nächste Straße zu einer deutschsprachigen Einheimischen. Frau Grabosch unterhielt sich mit ihr und nach einpaar Minuten sagte die Einheimische: „Ich kenne Sie, wir waren in der selben Schule.“ Die Frau stellte sich mit dem Namen Marianne vor und lud uns in ihr Haus ein. Die beiden Frauen riefen gemeinsame Erinnerungen wach und ich bat, etwas über die Juden der Stadt, während der Jahre 1939-1944, zu erfahren. Marianne sagte, dass ca. 120 jüdische Familien in der Stadt gelebt hätten. Es seien wohlhabende Leute gewesen, welche Handel getrieben und notleidende Familien, auch nichtjüdische, unterstützt hätten. Als ich das Gespräch auf die berüchtigten Jahre zu lenken versuchte, zögerte Marianne und blickte aus dem Fenster, als hätte sie Angst, dass das Geheimnis offenbar würde. Ich beruhigte sie und sagte ihr, dass wir nicht mehr in der Epoche der Nazis oder der KGB leben und dass meine Familie eine unter jenen 120 Familien gewesen sei. Marianne wirkte etwas gelöster und erzählte, dass eines Nachts, ohne jede Vorwarnung, die Nazis alle Juden versammelt und aus der Stadt heraus geführt hätten. Wohin, das wusste Sie nicht, aber so sei es gewesen. Als wir uns erkundigten,  was mit dem Haus an der Dickmannstraße 4 geschehen sei, wusste sie leider auch nicht Bescheid. Enttäuscht, aber immernoch hoffnungsvoll, kehrten wir ins Hotel zurück.
 
Adina holte die Unterlagen hervor, welche wir aus Israel mitgebracht hatten und breitete die Ortskarte des Jahres 1927 aus, welche uns der Familienforscher Alfred Denda zuvor geschickt hatte. Am nächsten Morgen, begaben wir uns mit der Karte nochmals in die Stadtverwaltung und baten den Bürgermeister um Hilfe. Er führte uns mit Respekt zu einer seiner Mitarbeiterinnen und bat sie, uns in unser Angelegenheit zu helfen. Die Sekretärin nahm die aktuelle Ortskarte, verglich sie mit unserer alten Karte und ermittelte die genaue Stelle, wo das Haus zu finden sei. Sie notierte uns die aktuelle polnische Adresse auf einem Zettel. Wir bestellten ein Taxi und fuhren voller Aufregung und Erwartung zu unserem Ziel. Zu unserer Verblüffung hielt das Taxi vor Mariannes Haus an, wo wir am Tag zuvor waren. Sie erkannte uns sofort und lud uns wieder ein. Als wir uns nach den vorherigen Bewohnern des Hauses erkundigten, erwiderte sie, dass ihr Mann ihr gesagt hätte, dass die Familie, die vor ihnen im Haus gelebt hätte, Schneider hieß. Als ich das hörte, stand in mir außer meinem Herzen alles still und ich schnappte nach Luft. Mein Körper erstarrte und ich brachte kein Wort hervor. Marianne stand auf, um mir ein Glas Wasser zu reichen und Adina, meine geliebte Frau, ließ mich keinen Augenblick aus den Augen. Obschon ich emotional völlig aufgewühlt war, versuchte ich wenigstens nach außen die Fassung nicht zu verlieren. Als Adina mich fragte, wie ich mich fühle, antwortete ich: „Die Geschäfte laufen wie gewöhnlich.“ Adina wusste, was in mir vorging und erwiderte: „Lügner.“
Zwar hatte ich keinerlei Erinnerungen an das Haus, in dem ich geboren wurde, doch konnte ich jetzt, nach siebzig Jahren, einpaar Teile des Puzzles meines Lebens ergänzen und das Aussehen meines Geburtshauses war ein wesentlicher Teil davon. Es handelte sich zwar nur um Mauern und Steine, doch das Wissen an und für sich, dass ich hier geboren wurde, dass meine Eltern, Willy und Elsa hier gelebt hatten und dass sie, meine Schwestern und mein kleiner Bruder von hier aus zu ihrem unbekannten Ende geschickt wurden, verlieh dem kalten Stein lebendigen Inhalt. Als ich ins Freie trat, versuchte ich mir das Leben in der damaligen Zeit vorzustellen, doch war mein Geist noch ziemlich verwirrt und ich konnte mich auf nichts konzentrieren.
Wir kehrten ins Hotel zurück, wo wir Herrn Denda, unseren Gastgeber vorfanden. Er bemerkte gleich, dass ich sehr erregt war. Wir setzten uns zusammen und unterhielten uns drei Stunden lang. Nachdem ich mein Herz etwas ausschütten konnte, ruhten wir uns aus. Bei unserem Abendessen am letzten Tag war auch der Bürgermeister anwesend. Ich fand es angebracht, mich zu erheben und einpaar Worte zu sagen. Ich sprach englisch und bedankte mich als Erstes bei unseren Gastgebern für ihren herzlichen Empfang und ihre Hilfe und bedankte mich allgemein bei der ganzen Gruppe für ihr freundliches Entgegenkommen und die herzliche Gastfreundschaft die wir erfahren durften. Alle, ohne Ausnahme, klatschten und schüttelten mir die Hand. Anschließend begab sich die Vertreterin der Gruppe an unseren Tisch und überreichte mir als Geschenk eine Stofftasche, auf welcher die Wappenzeichen von Ortelsburg und der umliegenden Städte der Provinz aufgestickt waren. Wir machten die letzten Aufnahmen, tauschten Adressen aus und versprachen, in Kontakt zu bleiben. Zum Abschied wurden wir geküsst und umarmt.
Am nächsten Morgen gingen wir zum Rathaus, um uns vom Bürgermeister zu verabschieden. Adina gab sich nicht mit dem zufrieden, was wir bis dahin herausfinden konnten, sondern wünschte, noch mehr über die Familie meines Vaters zu erfahren. Der Bürgermeister riet uns, das regionale Archiv in Allenstein aufzusuchen, was wir auch taten. Als wir dort ankamen, wartete eine Überraschung auf uns. Die Akte meiner Eltern wurde aus dem Archiv geholt und für uns bereitgelegt. In der Akte waren Urkunden, welche bezeugten, dass meine Eltern drei Grundstücke gekauft hatten. Es waren Dokumente vorhanden, welche den Besitz des Gasthauses mit den Gästezimmern bestätigte und unter anderem fanden wir die Geburtsurkunde meines Vaters. Hier erfuhren wir erstmals, dass mein Großvater mit Vornamen Yitzchak hieß. Ich weiß nicht, ob es Zufall oder Schicksal war, dass wir einen unserer Söhne Yitzchak genannt hatten. Nachdem wir nach Israel zurückgekehrt waren und dieser die Geschichte hörte, entschloss sich unser Sohn aus freiem Willen, seinen Familiennamen von Alexander auf Schneider zu ändern. Damit wurde die Fortsetzung des Namens meines Großvaters drei Generationen später, gesichert.
 
Während wir aber immernoch in Polen waren, packten wir unsere Koffer und fuhren viereinhalb Stunden nach Warschau zurück. Ich war bereit, nach Israel zurückzukehren, doch zu meiner Überraschung hatte Adina andere Pläne, welche sie mir nicht verraten wollte. Als wir im Flughafen in ein kleines Passagierflugzeug stiegen, fragte ich Adina: „Wohin fliegen wir?“ Sie hielt sich den Mund zu und sagte: „Warte, Du wirst es sehen.“ Eine Stunde später landeten wir und bereits im Bauch des Flugzeugs konnte ich die Namenschilder erkennen: "Wien, Österreich". Ich sagte ihr, direkt heraus, was ich auf der Seele hatte: „Sag mal, bist Du noch normal? Hierhin bringst Du mich? In das Herzen der Nazis? Von einem schlimmen Ort zu einem noch schlimmeren?“ Aber Adina wusste genau, was sie tat. Sie, welche die meisten Jahre ihres Lebens mit mir verbrachte und an mir jede Falte und jede Sehne kannte und jeden Blick zu deuten vermochte, wusste genau, dass ich nach den ergreifenden Erlebnissen, etwas Ruhe und Entspannung für Geist und Körper nötig hatte. Wir verbrachten eine erholsame Woche auf einem Bauernhof, umgeben von freundlichen, einheimischen Leuten und dem Geruch von Kuhmist. Hier konnte ich mich entspannen – wenigstens für eine gewisse Zeit.
Nach der Erholungswoche kehrten wir nach Israel zurück. Mein Leben war nicht mehr das selbe wie zuvor. Die Entdeckungen und Eindrücke ließen mir keine Ruhe. Die Tatsache, dass ich in dem Haus sitzen konnte, wo ich geboren wurde, befriedigte mich nicht. Es war mein größter Wunsch, ein noch lebendes Familienmitglied zu finden, jemanden, mit dem ich mich unterhalten könnte, jemanden, den ich umarmen könnte, jemanden der Fleisch von meinem Fleisch und Blut ist.
 
Eigentlich hätte ich mit unserer Rückkehr nach Israel zufrieden sein sollen, hatte ich doch Erzählungen über meinen Vater und meine Schwestern gehört, Unterlagen und Urkunden gefunden, meine Heimatstadt besucht und konnte sogar im Haus sitzen, wo ich geboren wurde – im Haus meiner Familie, die mir aufgrund der herrschenden Lebensumstände nicht vergönnt war - aber statt dessen war ich verwirrt und niedergeschlagen. Ohne jede Vorwarnung verursachten all die Geschichten, die mir über meine Eltern, ihre Arbeit und meine Kindheit zu Ohren kamen, eine emotionelle Verwirrung und belasteten mein Herz. Der Gedanke ließ mich nicht los, mit welch einem Dilemma sich meine Eltern auseinanderzusetzen hatten, die einerseits den starken Wunsch empfanden, ihre Kinder in ihrer Nähe aufzuziehen und anderseits den schicksalhaften Entschluss fassten, mich zur Adoption wegzuschicken, um mein Leben zu retten. So konnte ich auch die Frage nicht ignorieren – warum nur mich? Warum schickten sie meine Schwestern oder meinen jüngerer Bruder nicht weg? Leider blieben all diese Fragen unbeantwortet und über allem schwebte eine finstere Wolke der Enttäuschung angesichts der Tatsache, dass ich keinen Familienangehörigen getroffen hatte.
Jedes Mal, wenn ich in der Zeitung über einen Fall lese, dass jemand nach Jahrzehnten einen Familienangehörigen getroffen hätte, freue ich mich jeweils für die Beteiligten, doch verspüre ich gleichzeitig ein Zwicken im Herzen.
 
Es dauerte lange, bis sich die Aufregung legte und sich die Gedanken beruhigt hatten und allmählich in den Hintergrund traten. Eine gewisse Erleichterung empfand ich, nachdem ich all meine Erlebnisse zu Papier gebracht hatte. Mit dem Aufschreiben der Dinge und deren Veröffentlichung im Internet, dachte ich, mich wieder auf mein Ziel konzentrieren zu können, welches ich immer noch nicht aufgegeben hatte. Kurz nach der Veröffentlichung erhielt ich eine Menge positiver Reaktionen. Gute Leute, welche von meiner Geschichte ergriffen waren, hatten sich entschlossen, mir eine Internetseite zu erstellen. Als jemand, der mit der modernen Welt Erfahrung hat, sagte ich: „Ich weiß, dass das Geld kostet, doch bin ich bereit, dafür zu bezahlen.“ Es zeigte sich, dass es unter uns einige Gerechte gibt und nachdem einer unter ihnen über meine Geschichte erfahren hatte, antwortete er: „Sie scherzen wohl. Sie müssen für Ihre Geschichte Geld bekommen.“ Meine Lebensgeschichte berührte viele Menschen. Bis zum heutigen Tag erscheint sie weltweit auf drei Suchmaschinen (in jedem Land in seiner eigenen Sprache). Mein Name, Mein Lebenslauf, meine Familienfotos und meine Wurzelreise aktualisieren mit jedem zusätzlichen Puzzlestück das Gesamtbild und lassen mich hoffen, dass ich das Puzzle bald vervollständigen werde und einen meiner Familienangehörigen finden werde.
Mit der Eröffnung der Internetseite kam meine Geschichte wie ein Schneeball ins Rollen. Ich erhielt Dutzende von E-Mails und eine Menge Briefe von Leuten, welche meine Eltern gekannt hatten. Alle E-Mails und Briefe mit Schilderungen über die damalige Zeit, die Stadt und meine Familie, all die Geschichten meines Lebens, welches ich verpasst hatte, bewahrte ich ehrwürdig in dicken Ordnern auf (zurzeit fünf).
Unter den Schreibern waren ehemalige Bewohner von Ortelsburg, doch kein einziger war Jude (offensichtlich sind die Deutschen an der Tatsache Schuld, dass kein Jude überlebt hatte). Einige von ihnen waren Nachbarn meiner Eltern an der Kaiserstraße, wo mein Großvater und später mein Vater ihr Geschäft hatten. Einer hatte eine Metzgerei und ein anderer ein Blumengeschäft und lebt heute in Kanada. Vom Metzger erfuhr ich, dass meine Schwestern jeweils am Samstag zu seiner Viehzucht kamen, um das Vieh zu füttern. Unter all den Briefen weckte besonders eine E-Mail meine ganze Hoffnung. Ein Rechtsanwalt aus Ramat Gan schrieb mir folgende Worte: „Yehuda, ich sammelte mehrere Telefonnummern, welche auf den Namen Heinz Schneider lauten, dem Namen Deines Bruders und eine ist aus Kalifornien. Es lohnt sich, anzurufen.“ Ich telefonierte unverzüglich allen Telefonnummern, welche mir der Rechtsanwalt gegeben hatte und beim dritten oder vierten Anruf sagte Heinz Schneider: „Es tut mir leid, aber ich bin nicht Jude.“ Ich gab nicht nach und fragte: „Was ist Ihre Geschichte?“ worauf er zu erzählen begann: „Als ich zwei Jahre alt war, wickelte man mich in eine Decke und legte mich vor ein Kloster mit einem Zettel mit meinem Namen am Hals. Dort wuchs ich bis zum Alter von sechs Jahren auf und wurde dann zur Adoption gegeben.“ Ich erwiderte auf seine Worte: „Hören Sie gut zu: Ein Kind eines deutschen Nichtjuden wurde nicht neben einem Kloster ausgesetzt, denn die Deutschen hatten nichts zu befürchten. Wer sich fürchtete, waren die Juden und deshalb wurden Sie neben das Kloster gelegt, damit man sich um Sie kümmere und Sie groß ziehe.“ Stille herrschte in der Leitung und nach einer Weile des Schweigens fragte ich: „Heinz, bist Du noch da?“ Er antwortete mit zaghafter Stimme: „Ja, aber jetzt hast Du mich total verwirrt, jetzt weiß ich überhaupt nicht mehr, wer ich bin.“ Es machte den Anschein, dass mein Traum in Erfüllung ging. Wieder stellte ich mir die erste Begegnung vor, die herzliche Umarmung, die Tränen der Ergriffenheit und die innerliche Freude. Um sicher zu sein, ob Heinz Schneider wirklich mein kleiner Bruder war, hätten wir einen DNA-Test vollziehen müssen. Da es sich um ein langwieriges, kompliziertes Verfahren handelte, verzichtete ich darauf. Außerdem stellte sich heraus, dass unser Altersunterschied nicht zutreffend war.
 
Sieben Jahre der Nachforschungen und fünf dicke Ordner mit Dokumenten, Briefen und Fotos ließen mir immer noch keine Ruhe. Im März 2008 trat erneut eine überraschende Wende ein. Alfred Denda, der Familienforscher aus Dortmund, in Deutschland, welcher selbst in Ortelsburg geboren war und meine Biografie kannte, bot mir erneut seine Hilfe an.
Eines Tages erhielt ich einen Anruf und am anderen Ende meldete sich der Familienforscher. Er lud mich und meine Frau nach Deutschland ein, genauer gesagt zu einem Treffen in Berlin, an welchem Überlebende aus Ostpreußen teilnehmen sollten, nicht nur Juden, sondern auch katholische Christen, die verfolgt wurden. Instinktiv lehnte ich ab. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich deutschen Boden betreten und schon gar nicht, Vernichtungslager besichtigen würde. Herr Denda hielt eine Weile inne und sagte dann folgenden Satz: „Ich möchte Ihnen Christa vorstellen, eine Nachbarin Ihrer Eltern, welche Sie von Kindheit an kannte.“ Trotz meines prinzipiellen Widerstands wusste ich, dass mir nichts anderes übrig blieb, als sein Angebot anzunehmen. Ich war mir sicher, dass dieses Treffen, Klarheit über meine Lebensgeschichte schaffen werde und ich weitere Informationen über meine Familie und die verlorenen Jahre meines Lebens erhalten werde. Obwohl ich mich entschieden hatte, zu reisen, war ich unruhig und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Die Tage vor dem Flug verbrachte ich mit großer Unschlüssigkeit und fühlte mich zwischen meiner Angst und den Befürchtungen gegenüber dem Wunsch, Christa kennen zu lernen, um zu hören, was sie zu erzählen hatte, hin und hergerissen. Ich weihte Adina und meine  Kinder in mein Dilemma ein, worauf sie mich ermutigten und mir ihren Segen gaben. Am Flugtag, begleiteten zwei der Kinder mich und Adina zum Flughafen, damit ich es mir nicht in letzter Minute anders überlege. Eine Nachbarin aus Herzliya, eine Fluglotsin, begleitete uns bis zum Ausgang zum Flugzeug und erst als die Türen des Flugzeugs geschlossen wurden, realisierte ich, dass es kein Zurück mehr gab und spürte ein unangenehmes Kribbeln im Bauch.
Wir landeten in Frankfurt, wo wir uns zwei Tage aufhielten, dann setzten wir für weitere zwei Tage nach Darmstadt fort, um Freunde zu besuchen, reisten für zwei Tage nach Köln, zwei Tage auf der Main und zurück nach Dortmund. Auf der ca. dreistündigen Fahrt war jedes dritte Wort, das mir aus dem Munde kam "Verflucht sei ihr Name". In Dortmund empfing uns Alfred, der Familienforscher. Gleich nach  unserer Ankunft unternahmen wir eine Stadtrundfahrt, besichtigten die Synagoge der jüdischen Gemeinde, welche rund 400 Mitglieder zählt, worunter die meisten aus der Sowjetunion stammen und trafen verschiedene Leute.
Von Dortmund fuhren wir nach Berlin und legten eine Strecke von rund 700 Kilometern zurück, was aber im Mercedes eine angenehme Fahrt war und selbst das Wetter mit einer Temperatur von 22 Grad verhielt sich wie bestellt.
Auf der Fahrt nach Berlin machten wir beim Vernichtungslager Bergen-Belsen einen Zwischenhalt. Ich hielt es nicht länger als zehn Minuten aus, bis ich nicht mehr konnte. Ich entschuldigte mich bei unserem Gastgeber und ging hinaus. Ich war nicht fähig, mir die schrecklichen Fotografien anzusehen und meine innere Wut und den tiefen Schmerz zu bewältigen.
Während unseres zweitägigen Aufenthalts in Berlin unternahmen wir eine Tour in einem zweistöckigen Touristenbus, sahen uns Ost-Berlin an, besuchten das Staatsratsgebäude, den Sitz des Präsidenten und gingen zur "Berliner Halle" einem riesigen Gebäude, wo Hitler im Jahr 1944 die Endlösung erklärte. Es versammelten sich rund 2000 Menschen aus allen Ecken der Welt. In der Halle waren Tische und Bänke angeordnet und auf den Tischen standen Namenschilder mit den betreffenden Städtenamen. Auf jedem Tisch lag ein Gästebuch und meine Frau ging von einem Buch zum anderen und notierte in jedem unsere persönlichen Angaben und unsere Adresse, damit man uns kontaktieren könne, falls jemand uns irgend eine Information über die Familie Schneider mitteilen wolle.
Noch stand uns das Treffen mit Christa bevor, aufgrund dessen ich mich zu dieser Reise entschlossen hatte und auf welches ich all meine Hoffnungen gesetzt hatte. Bevor ich an die Türe klopfte, stand ich einige Minuten still, um für die Begegnung innere Kräfte zu sammeln und versuchte einen starken Eindruck zu machen, doch anscheinend kennen Gefühle keine Schranken. Als sich die Tür öffnete, noch bevor ein Wort gesprochen wurde, umarmten wir uns. Wir brauchten beide etwas Zeit, um uns zu erholen und das Herzklopfen zu beruhigen.
Wir saßen auf der Veranda ihres Hauses. Christa warf neues Licht auf die Geschichte meiner Familie. Sie sagte, dass sie mich von Geburt an kannte und dass sie mich als zehnjähriges Mädchen mit dem Babywagen spazieren geführt hätte. Sie erzählte, dass meine Eltern an jüdischen Feiertagen jeweils ihre Eltern und ihre Familie eingeladen hätten und dass sie sich bis heute noch an den Geschmack der Matzennh erinnere, welche sie an Pessach  bei meinen Eltern gegessen hätte. Sie erinnerte sich, an meine Mutter, wie sie an Chanukka Kerzen angezündet hätte und an die leuchtende Chanukkia, welche auf das Fensterbrett gestellt wurde. Christa war mit zwei meiner Schwestern, Frieda und Herta befreundet. Und dann sagte sie: „Du und Frieda, Ihr seid plötzlich verschwunden.“ Wir saßen und unterhielten uns stundenlang. Ich nahm das Gespräch auf und filmte unser Treffen, doch auf Eines war ich nicht vorbereitet. Christa führte mich ins Wohnzimmer, deutete auf die gestickte Tischdecke auf dem Tisch und sagte: „Diese Tischdecke, haben uns Deine Eltern gegeben, bevor sie gegangen sind. Wenn Du willst, falte ich sie zusammen und gebe sie Dir.“ Der Gedanke, dass meine Mutter die Decke eigenhändig gestickt hatte, dass die Decke einmal den Tisch in unserem Wohnzimmer geschmückt hatte und dass dies der einzige Gegenstand war, der mir von meiner Familie geblieben ist, ein Objekt, das sie berührt hatten, war überwältigend. Beim Anblick der Tischdecke zitterte ich vor Erregung am ganzen Körper. Trotz der Tatsache, dass die Tischdecke wohl das einzige Vermächtnis war, ein letztes Andenken an ein zerstörtes Leben, beschloss ich, sie Christa zu überlassen, denn es handelte sich ja im Grunde genommen nur um einen Gegenstand. Was wirklich zählt, sind die Empfindungen im Herzen und die Hoffnung, dass ich noch ein Familienmitglied zu Gesicht bekommen werde. Es war eine sehr interessante und aufschlussreiche, aber gleichzeitig auch eine sehr traurige Reise und ich war froh, wieder nachhause zurückzukehren und wieder in meinem eigenen Bett schlafen zu können.
 
Die bittere Entdeckung
    
Ich setzte meine Suche fort. Während des Surfens im Internet, stieß ich auf ein Informationszentrum von Holocaustopfern, doch wusste ich nicht worauf ich klicken soll und wandte mich erneut an den, mich begleitenden Familienforscher, Alfred Denda. Eine halbe Stunde später rief er zurück und sagte: „Möchten Sie es wissen?“ Ich bat ihn nur, mir zu erklären, wo ich klicken soll, um die Information zu erhalten, die ich suchte. Er erklärte es mir und ich klickte. Zwei Dokumente öffneten sich, welche bezeugen, dass meine Eltern Ende 1944 an einen unbekannten Ort in Polen getötet wurden. Ich wurde vom Roten Kreuz gebeten, eine Blutprobe zu einem DNA-Test zu geben, für den Fall, dass wenn eines Tages ihre Grabstätte gefunden würde, ihre Identität bestätigt werden könne. Wie schwer diese konkrete Angabe über ihren Tod auch war, hatte ich aufgrund ihres Alters nicht erwartet, meine Eltern jemals wieder zu sehen, hingegen träumte ich immer, meinen Schwestern und dem kleinen Bruder zu begegnen und konzentrierte mich jetzt vor allem in diese Richtung, doch kurze Zeit später erhielt ich aus dem Archiv der Gedenkstätte Bergen-Belsen die "Todesbescheinigung", in welcher mir mitgeteilt wurde, dass meine Schwestern und der vierjährige Bruder 1943 im Ghetto der Stadt Riga ermordet worden waren.
 
Wortlaut der Todesbotschaft vom 7. Dezember 2007:
 
Reply to Mr. Lutz Schneider of Herzliya, Israel, who searches for surviving members of his family, most of whom sadly perished in the Holocaust.
It is with deep sorrow that I inform you that you appear to be the only survivor of your family. The information traced indicates that:
Friedel Schneider [Frida] was born in Ortelsburg in 1925 to Willy and Eisa.
Prior to WWII she lived in Ortelsburg, Germany. During the war she was in Ortelsburg, Germany. Friedel perished in 1943 in the Holocaust at the age of17
Hertha Schneider was born in Ortelsburg in 1926 to Willy and EIsa. Hertha perished in 1942 inRiga, Latvia at the age of 16.
Ruth Schneider was born in Ortelsburg in 1928 to Willy and Elsa. She was single. Ruth perished in Riga. Latvia at the age of 14.
Eva Schneider was born in Ortelsburg in 1930 to Willy and EIsa. She was a child. Eva perished in Riga, Latvia at the age of 12.
Heinz Schneider was born in Ortelsburg in 1938 to Willy and Elsa. Heinz perished in Riga, Latvia at the age of 4.
May their dear souls rest in peace [MTDSRIP] Amen.
Friday, December 07 2007 -01 :28 AM
 
* 
Nach Jahren der Nachforschung und Suche nach überlebenden Familienangehörigen, während derer ich mich die ganze Zeit an eine geringe Chance geklammert hatte, erhielt ich nun diese Hiobsbotschaft. Die Höhen und Tiefen meines Gemütszustandes hängten während der ganzen Wurzelreise jeweils von der Art der Entdeckungen ab, wobei ich mich diesmal mit einer der schwersten zu befassen hatte.
Mit dieser Mitteilung kam ich an der Endstation meiner Wurzelreise an und damit waren auch meine Nachforschungen abgeschlossen. Ich hatte alles gefunden, was ich wissen wollte, auch wenn mein Traum nicht in Erfüllung gegangen ist. Ich hatte meine Vergangenheit kennen gelernt und über die Aufschlüsse, über die Identität und das Leben meiner Eltern, meiner Schwestern und meines Bruders erhielt ich meine wahre Identität zurück.
Erst vor kurzem wurde mir aus Yad Vashem ein Dokument zugestellt, aus welchem hervorgeht, dass Eva, eine meiner Schwestern, die Konzentrationslager in Riga überlebt hatte und nach der Befreiung des Lagers nach Russland geflohen sei. Ira, eine meiner Schwiegertöchter, welche in Russland geboren war, las das Dokument in russischer Sprache. Sie telefonierte ihrer Mutter in Ashdod, welche sich an das Ermittlungsamt in Moskau wandte. Eva wurde 1928 geboren und müsste heute, im Jahr 2009, 81 Jahre alt sein. Die Angelegenheit ist momentan noch in Untersuchung und der letzte Hoffnungsschimmer ist noch nicht erloschen.
Mit der neu entfachten Hoffnung wurden auch nachts die Träume wieder lebendig. Die Vermischung von Realität und Fantasie verursachten mir ein inneres Unbehagen, so dass ich mich wie schon in der Vergangenheit an die Traumdeuterin Chana Gonen wandte, um mich von ihr beraten zu lassen. Ich schrieb ihr Folgendes:
 
Datum: 09.07.2008   19:27:47
 
Chanale Schalom,
 
Die Besessenheit lässt mich nicht los.
Ich stand am Nachmittag auf, nachdem ich gut geschlafen hatte, aber ich weiß nicht, ob ich dies nur geträumt hatte oder ob es die Wirklichkeit in einem Traum war.
Chana, glaubst Du, dass ich aufgrund meines Schreibens grob ausgedrückt verrückt bin? Schließlich gehe ich nicht die Wände hoch, rauche keinen Haschisch, trinke keinen Alkohol, doch etwas ist nicht in Ordnung mit mir.
Im Traum, so glaube ich, telefonierte mir meine Schwiegertochter aus Rumänien, welche russisch spricht, für mich sucht und mit einem Ermittlungsamt in Moskau in Verbindung getreten ist. Sie sagte mir, ich solle ihrer Mutter in Ashdod anrufen.
Ich telefonierte ihrer Mutter, welche mir mitteilte, sie wäre aus Moskau kontaktiert worden und man hätte ihr eine Telefonnummer gegeben, welche ich anrufen solle.
Ich setzte mich hin und telefonierte. Eine Frau meldete sich in russischer Sprache. Ich stellte mich in Deutsch mit meinem biologischen Namen vor und hörte sie deutlich sagen: „Ich bin Eva Lutz.“ Damit wurde der Anruf unterbrochen und ich wachte auf.
Ich weiß nicht, ob ich dies geträumt hatte oder ob dies die Wirklichkeit in einem Traum war? Gibt es so etwas? Bin ich nahe daran? Oder was ist mit mir los? Ich habe keine Halluzinationen. Gibt es ein Licht am Ende des Tunnels?
 
Mit freundlichen Grüßen
Yehuda
 
Chana antwortete wie folgt:
 
Schalom, lieber Yehuda,
 
Als erstes bist Du ganz und gar nicht verrückt. Reaktionen wie Deine sind menschlich und vollkommen normal und es ist alles in Ordnung mit Dir. Ich glaube, dass das ganze Problem auf Deine jeckische Erziehung zurückzuführen ist, dass Du erzogen worden bist, Gefühle im Bauch zu behalten, um nach außen die Haltung zu bewahren, was sich anscheinend als Erwachsener viel stärker auf Dich auswirkt, als Du denkst. Wenn Du glaubst, dass Du Dich vom jeckischen Gedankenmuster loslösen konntest, ist dem wahrscheinlich nicht so. Es gibt viele solche Leute, einschließlich mich. Meine Schlussfolgerung ist, dass Du parallel zum Prozess des Zusammensetzens Deines familiären Puzzles, auch einen Prozess zur emotionalen Öffnung durchgehen solltest, welcher aus Deinem eigenen freien Willen und reifen Entschluss geschehen sollte, losgelöst vom gehemmten Verhaltensmuster, welches Dir Deine Adoptiveltern auferlegt hatten – ein Prozess unter professioneller Leitung und Anweisung, welcher Dir helfen sollte, Deine negative Einstellung gegenüber der offenen Äußerung von Gefühlen zu ändern, damit Du zu verstehen lernst, dass das offene Ausdrücken von Trauer, Sehnsucht, Verlust, Verlangen und Wut völlig menschlich und natürlich ist und nicht in Dein Unterbewusstsein verdrängt werden muss. Da es sich um einen komplexen mentalen Prozess handelt, der Deinen persönlichen Bedürfnissen und Deinem psychischen Rhythmus angepasst werden muss, rate ich Dir, einen Fachmann beizuziehen, mit dem Du Dich wohl fühlst.
 
Dein Traum kann auf zwei Arten interpretiert werden:
Mit Deiner unterbewussten Sehnsucht, Deine Schwester lebend zu finden, gegenüber Deiner Angst, enttäuscht zu werden.
Mit einer Mitteilung von oben. Indem Du das Telefon gehört hast, wird angedeutet, dass Dich jemand aus Deiner Vergangenheit braucht (vielleicht Deine Schwester). Die Gespräche, die Du geführt hast zeigen, dass Du Dich vor Verzögerungen und unfachmännischem Vorgehen in Acht nehmen solltest (vielleicht seitens der Einbezogenen oder seitens der, an der Suche Beteiligten).Du solltest nichts überstürzen, was durch die Gespräche mit den Frauen symbolisiert wird. Der Traum weist darauf hin, dass Du etwas finden wirst und dass das, was Dein Herz begehrt, offen liegt. Vielleicht solltest Du nicht voreilig sein, sondern trotz Deines starken und verständlichen Verlangens, möglichst bald neue Entdeckungen zu machen, Vorsicht bewahren. Die Komplexität des Prozesses an und für zeigt, dass Du auf dem richtigen Weg bist, doch ist es nicht das Ziel, die Schnelligkeit des Prozesses anzustreben, sondern der Prozess an und für sich sollte nur ein Hilfsmittel sein, womit Du Dich mit Deiner Vergangenheit und Deiner Person auseinandersetzen kannst.
 
Chana
*
Bis zum Tag, an dem ich eine definitive Antwort erhalte, was mit meinen Eltern passiert ist und wo ihre Grabstätte liegt, werde ich nicht ruhen und untätig sein.
Ich trat meine Wurzelreise an, ohne zu wissen, was ich herausfinden werde und wer meine Eltern und Geschwister sind. Ich machte mich auf die Reise, in der Hoffnung, sie zu finden. Obwohl sich mein Traum nicht erfüllt hatte, weiß ich wenigstens, wer ich bin, woher ich stamme, wo meine Wurzeln entsprungen sind und was mein Vermächtnis ist.
* 
Die Avocadofrucht symbolisiert meine Lebensgeschichte.
Die Rinde der Avocado stellte erste Untersuchungen und das Ausfindigmachen von Adressen und Namen von Personen dar.
Die Frucht selbst beinhaltet Dokumente, Briefe und Anrufe, die ich von Menschen auf der ganzen Welt erhalten hatte.
Der Kern, den ich nicht zu knacken vermochte, symbolisiert meine geliebte Familie, welche ich nicht finden konnte.
 
Nachwort
 
Meine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Meine Lebensgeschichte ist eine Parabel des jüdischen Volkes und beinhaltet eine wichtige Botschaft an die kommenden Generationen. Mögen viele Jugendliche dieses Buch lesen, um sich zu erinnern und zu gedenken, was geschehen ist. In meinem hohen Alter weiß ich, dass ich alles unternommen hatte, um herauszufinden, wer ich bin und um meine Familie zu finden. Ich bin zuversichtlich und überzeugt, dass meine Kinder, meine Enkelkinder und deren Nachkommen meine Bemühungen zu schätzen wissen, ihnen zu ermöglichen, ihre Herkunft, den Ursprung ihrer Wurzeln und ihre Kultur zu ergründen.
Bis zum Ende meiner Tage werde ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass es mir vergönnt sein möge, meinem kleinen Bruder Heinz in die Augen blicken zu dürfen, sei es auch nur für einen kurzen Augenblick oder meine Schwester Eva zu umarmen. Ich werde meiner Eltern, meiner Schwestern und meines Bruder gedenken. Ich werde an die Schrecken des Holocaust erinnern, mit dem Blick in die Zukunft und werde mutig und zuversichtlich weiterschreiten.
Heute kann ich mit Stolz auf meine Errungenschaften, meine Familie, meine Kinder und Enkelkinder zurückblicken. Als jemand, der als Einzelkind aufgewachsen ist, habe ich zur Fortsetzung des Stammbaums eine ansehnliche Sippe gegründet. Mein Sohn, bis vor wenigen Jahren Yitzchak Alexander, änderte seinen Namen auf Yitzchak Schneider, womit der Kreis nach drei Generationen geschlossen und der Fortbestand der Familie gesichert wurde.
Ich, Yehuda Alexander und /oder Lutz Schneider werde unermüdlich weitersuchen.
 
Übersetzung aus dem Hebräischen

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